Schritt für Schritt

Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.  (1. Petrus 5,7)

Dass besorgte und vielleicht auch bekümmerte Menschen ihre Sorgen loswerden, ist das Ziel dieses Satzes: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ Wir sollen wegkommen von dem, was uns Kopfzerbrechen bereitet und Schlafstörungen verursacht und uns deshalb mehr bestimmt als gut für uns ist. Eigentlich ein lohnendes Ziel. Menschen, die wissen, dass ihre Sorgen gut aufgehoben sind, können aufrechter gehen und freier atmen. Deshalb dieser Satz: „Alle eure Sorge werft auf ihn…“   

Aber ob allein die Aufforderung schon hilft: Sorgen und besorgte Menschen gibt es genug. Es gibt sie hier auf dem Sonnenhof – manchmal zu Recht und manchmal auch nicht – unter unseren Bewohnerinnen und Bewohnern, unter unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die manchmal den Eindruck haben, mit immer weniger Ressourcen immer mehr leisten zu sollen, und es gibt sie bei allen, die Verantwortung tragen für das Ganze oder für einen Teil diakonischer Einrichtungen.

Dass wir uns gelegentlich Sorgen machen um uns selbst oder um andere hat ja seine eigene Würde. Dass wir uns Sorgen machen können, macht uns sozusagen aus. (Der Mensch – das Tier, das sich Sorgen macht). Und wer weiß: Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen heute morgen noch ganz andere Sorgen mit hierher gebracht. Die handfeste Sorge um die eigene Gesundheit oder um die unserer Angehörigen, die Sorge um die Kinder, um die älter gewordenen Eltern, um Beziehungen, die brüchig geworden sind …

Wie ist das dann mit so einem Satz, der uns rät, unsere Sorgen wenigstens vorübergehend abzugeben und einem andern zu überlassen. Geht das?

 

2. Pilgern

Wir haben heute zu einem Abschnitt auf dem Diakoniepilgerweg eingeladen. Pilgern so verspricht es die Internetseite des Diakoniepilgerwegs selbstbewusst, bringt uns gleich dreifach in Bewegung und in Begegnungen: wir begegnen uns selbst, in dem wir auf unserem Weg das, was war und was vielleicht sein kann, noch einmal neu und in Ruhe anschauen. Wir begegnen andern, die uns auf dem Weg oder in den diakonischen Einrichtungen unvermittelt zu Weggenossen – biblisch würden wir sagen: zu Nächsten werden können. Und schließlich will auch der Diakoniepilgerweg wie alle Pilgerwege Wege zu Gott eröffnen – indem wir in der Begegnung mit anderen und mit uns selbst dem begegnen, der uns immer schon näher ist als wir uns selbst zu sein vermögen (Augustin). Und von dem sagt nun der Satz aus dem 1. Petrusbrief, dass er uns nicht nur unvergleichlich nahe ist, sondern auch darauf wartet, dass wir ihm sozusagen unser Gepäck, den Rucksack – zumindest den mit den Sorgen anvertrauen.

Denn eins werden wir als Pilgernde nicht erleben – auch heute nicht auf der Strecke zwischen dem Sonnenhof und der Erlacher Höhe: dass unsere Sorgen einfach von selbst auf der Strecke bleiben. Die gehen mit. 

Vielleicht kennt der eine oder andere den Film „Pilgern auf Französisch“, der vor einigen Jahren in die Kinos kam. Eigentlich ein eher unterhaltsamer Film. Er erzählt von einer etwas merkwürdigen Pilgergruppe, die sich auf den Weg nach Santiago de Compostela macht: drei Geschwister, die sich eigentlich nichts mehr zu sagen haben und deren Leben verschiedener nicht sein könnte – aber wenn sie gemeinsam das elterliche Erbe antreten wollen, dann müssen sie auf diesem Weg gemeinsam ankommen; eine Frau, die nach einer schweren Krankheit den Weg zurück ins Leben sucht; dazu eine Gruppe junger Leute, darunter ein junger Marokkaner, ein Muslim, dessen Mutter im Sterben liegt ohne dass er es weiß – er wird es ganz am Ende des Wegs erfahren. Und schließlich der Pilgerführer selbst, der zwar die Wege kennt, auf denen er seine Pilgergruppen führt – aber den Weg aus seinen eigenen Problemen kennt er nicht. Und die gehen nun zusammen, streiten zusammen und helfen einander, willig und unwillig, ihre sichtbaren und unsichtbaren Lasten zu tragen. Für mich wird da in diesem Film eine Hoffnung sichtbar, die viele dazu bringt, das Pilgern für sich zu entdecken: dass sich nämlich tatsächlich auf solchen Wegen etwas bewegt und verändern kann, indem wir Abstand gewinnen, und vielleicht auch einen neuen Zugang – zu uns, zu andern, zu Gott.

 

3. Demut

Im 1. Petrusbrief, in dem der Satz „Alle eure Sorge werft auf ihn“ steht,  beginnt das mit einer Haltung: „Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Das klingt ein wenig ungewöhnlich, wo es um die Frage geht, wie wir einen neuen Zugang zu unseren Lebensthemen finden können. Demut ist nicht unbedingt die Haltung, die uns vorschwebt, wenn wir an ein besseres und sorgenfreieres Leben denken.

Aber vielleicht versuchen wir es heute doch einmal so und sagen: Demütige Menschen sind Menschen, die den Kopf durchaus dort tragen, wo er hingehört: nämlich auf dem Hals. Aber sie tragen ihn nicht so hoch, dass sie andere nicht mehr sehen können. Sie brauchen auch nicht allen Platz für sich allein und auch nicht alles Licht, in das sie sich vor andern rücken müssen. Vielleicht sind demütige Menschen darin auch mutige Menschen, dass sie um ihre Grenzen und Schwächen wissen und damit ernst machen – auch mit der Einsicht, dass wir in einem letzten Sinn gerade nicht für uns selber sorgen können, und dass doch für uns gesorgt ist – auch dann noch, wenn ich einmal nichts mehr machen, nichts mehr aus mir machen kann; auch dann noch, wenn ich nicht mehr gesund bin, wenn ich nicht mehr arbeiten kann oder darf, wenn ich den Erwartungen nicht mehr entspreche, die ich selbst habe oder die andere an mich haben.

 

4. Diakoniepilgerweg

Es ist das Besondere dieses Diakoniepilgerwegs, dass er uns an Orte führt, an denen sich solche Fragen – es sind Fragen nach unserem Menschenbild – noch einmal ganz neu stellen. Was macht unsere Würde und was macht gutes und gelingendes Leben aus? Wo und wie findet das statt? Nur dort, wo es keine Einschränkung, keine Beeinträchtigung und möglichst auch keine Brüche und Risse in unseren Lebensgeschichten gibt? Oder auch dort, wo das der Fall ist?

Wenn der Satz stimmt „Alle eure Sorge …“ dann bilden wir ja schon längst eine Gemeinschaft derer, für die gesorgt ist und die in auf Unterstützung angewiesen sind – wie auch immer das im Einzelnen bei uns aussieht. Dann ist sozusagen „Inklusion“ – jener bessere Zustand, in dem man „angstfrei verschieden“ (Th. Adorno) und beieinander sein kann, in den Augen der Liebe Gottes schon längst das, was der Fall ist. Und das, was wir tun können und sollen, ist, sie Schritt für Schritt zu entdecken und zu leben. Es geht ja nur in einzelnen kleinen Schritten. Auch im Sonnenhof.

Und noch etwas macht den Diakoniepilgerweg zu einem besonderen Weg. Indem er uns an Orte wie den Sonnenhof und die Erlacher Höhe führt, führt er uns an Orte, an denen das miteinander leben und die Sorge für andere, sichtbar Gestalt gewonnen hat. Wir sprechen heute vor allem vom Recht auf Teilhabe und Selbstbestimmung und vom Recht auf ein möglichst selbst bestimmtes Leben der Menschen, die hier wohnen und unsere Angebote in Anspruch nehmen. Ganz sicher zu Recht. Aber unsere Verantwortung, die auch die Sorge füreinander einschließt und auch die Dimension der Fürsorge, werden wir darüber nicht vergessen. Dass Gott für uns sorgt, schließt unsere Sorge füreinander nicht aus, sondern ein.

 

5. Schluss

„Alle eure Sorge werft auf ihn.“ Es gibt Sorgen, die gehören zu uns. Dass wir denken und planen und Vorsorge treffen und einer nicht bloß in den Tag hinein lebt. Das darf und soll alles sein. Und wo einer Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für andere trägt, erst recht. Aber die Sorge, die daher kommt, dass ich keinem andern als mir selbst vertraue; die Sorge, die mich im Griff hat und mich von andern trennt – von der rufen diese Verse weg. „Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern“ sagt Martin Luther einmal, „aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern.“

Wir verbiegen uns nicht, wenn wir sagen: Wir werden das nicht immer gleich gut können. Wir werden damit gelegentlich hart an unsere Grenzen stoßen, manchmal wird das auch mit Arbeit verbunden sein, die Vögel der Sorge und des Kummers daran zu hindern, sich dauerhaft bei uns einzurichten. Und manchmal brauchen wir dazu auch Hilfe. Aber dass es sich lohnt, sich daran erinnern zu lassen, dass in einem letzten Sinn bereits für uns gesorgt ist; und dass es sich lohnt, die Erinnerung daran und diesen Satz mit auf den Weg zu nehmen – nicht nur heute bis nach Erlach, sondern auch darüber hinaus – davon bin ich überzeugt. Amen.

 

Andacht zum Start des Diakonie Pilgerweg am 8. September 2013 im Sonnenhof, Schwäbisch Hall von Pfarrer Michael Werner, Vorstand des Sonnenhof e.V.

 

 

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