Licht am Horizont für Verschuldete

Die Not nimmt zu, doch die Kapa-zitäten sind schon jetzt ausgelastet. Die 19 Schuldnerberatungsstellen der Diakonie in Württemberg haben mehr Anfragen als die Mitarbeiter bewältigen können. Laut der Statistik des Diako-
nischen Werks Württemberg bekamen 2008 3500 überschuldete Menschen Hilfe bei den Diakonischen Bezirks-stellen. Insgesamt wird die Zahl der Betroffenen in Baden-Württemberg auf rund 720.000 geschätzt.

Das Wasser stand Jeanette Geiger aus Esslingen bis unter die Nasenspitze. Sie lebte drei Jahre von der Hand in den Mund, hoffte immer wieder, allein den Schuldenberg abtragen zu können. Als dann ihr Haus für einen Bruchteil seines Werts verkauft war, hatte die 45-Jährige keine Chance mehr, ihre Schulden privat abzuzahlen. Der Druck, der auf der Mutter dreier Kinder lastete, war immens und wuchs ständig. 100.000 Euro Schulden musste sie nach dem Tod ihres Mannes vor fünf Jahren übernehmen. Der war selbständig in der Baubranche, als er starb brachen der Familie die Einnahmen weg. Rechnungen, Mahnungen und Vollstreckungsbescheide füllten den Briefkasten. „Irgendwann resignierte ich und machte nicht einmal mehr die Post auf", sagt Jeanette Geiger. Schließlich musste sie mit Medikamenten gegen ihre Depressionen behandelt werden.

Als sie erfuhr, dass die Diakonie Schuldnerberatung anbietet, war sie erleichtert, einen Partner gefunden zu haben, der ihr in der Auseinandersetzung mit den Gläubigern hilft. „Meine Erwartungen haben sich mehr als erfüllt. Endlich kann ich wieder ruhig schlafen", sagt Jeanette Geiger nach acht Beratungsstunden bei Stefan Freeman in der Diakonischen Bezirksstelle Esslingen. Das schönste, sagt Jeanette Geiger, sei gewesen, dass sie nicht verurteilt, sondern schnell und gut unterstützt wurde. „Schuld kommt nicht von Schulden", sagt Freeman. Prinzipiell könne jeder durch Arbeitsplatzverlust oder persönliche Schicksalsschläge in die Schuldenfalle geraten, wenn laufende Kredite nicht mehr getilgt werden können, sagt der Berater. Durch Zinsen, Mahngebühren und Anwaltskosten steigt der Schuldenberg stetig an.

„Die Vergangenheit ist vorbei, es geht darum, die Zukunft zu planen", legt Berater Freeman den Menschen ans Herz. Bei vielen seiner Klienten fange nach dem Abbau der Schulden die Arbeit erst richtig an. Denn es gelte, eingefahrene Strukturen zu ändern: „Viele müssen wieder neu lernen, wie sie ihr Geld einsetzen können und wie sie mit einem bestimmten Betrag auskommen können oder gar Rücklagen aufbauen können."

Seit 25 Jahren bietet die Diakonie in Württemberg Beratung für überschuldete Menschen an. Das erste Fachbuch zum Thema kam erst 1984 auf den Markt. Ein relativ neues Feld also. „Das Thema Schulden ist seit den 1970er Jahren akut", sagt Freeman. Über die Jahre hinweg meldeten sich immer mehr Menschen bei ihm, berichtet er: „Der Bedarf hat zugenommen, doch wir sind zu wenig Leute, um jedem sofort helfen zu können."

So sind die Wartelisten bei den meisten Beratungsstellen ausgebucht – zwischen mehreren Monaten und zwei Jahren müssen sich die Betroffenen gedulden. In sehr dringenden Fällen wie Jeanette Geiger, in denen die Existenz unmittelbar bedroht ist, ist eine Beratung durch die Diakonischen Mitarbeiter ohne lange Wartezeit gesichert. „Ich war dabei sogar Gefängnis in Kauf zu nehmen. Ich hatte komplett resigniert", sagt Jeanette Geiger über ihre damalige Situation. Dass Schulden mit Haftstrafen gesühnt werden müssen ist ein Irrglaube, beruhigt Stefan Freeman. Diese Angst werde von einigen Gläubigern benutzt, um Druck zu machen. „Die Kraft lässt immer mehr nach, ich habe irgendwann nicht mehr über den Berg hinausgesehen. Ich bin froh, hier Hilfe gefunden zu haben", sagt Jeanette Geiger.

Jeanette Geiger wird jetzt den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens stellen. Dadurch wird der Druck auf ihren Schultern geringer. Sechs Jahre lang muss Jeanette Geiger im Insolvenzverfahren ihren Mitwirkungspflichten nachkommen und pfändbare Beträge ihres Einkommens abgeben, danach können die Restschulden nicht mehr eingeklagt werden – sie ist dann schuldenfrei.

Jeanette Geiger blickt der Zukunft nun optimistisch entgegen. Sie träumt von „einem ganz normalen Leben mit Arbeit und Urlaub", sagt sie: „Wenn alles abbezahlt ist, will ich wieder voll durchstarten. Ich habe eine wichtige Lektion gelernt: Es lohnt sich, immer weiter zu kämpfen."

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