Eine neue Perspektive

Warum nimmt eine Frau, Mutter und Großmutter mit 58 Jahren am Bundesfreiwilligendienst (BFD) teil? Und warum gibt sie dafür sogar ihre Wohnung in der Region Stuttgart auf und zieht für diese befristete Tätigkeit in das sehr ländlich geprägte Wilhelmsdorf im Landkreis Ravensburg?

Die Motive, sich im BFD zu engagieren, sind sehr unterschiedlich und Jede und Jeder hat ihre/seine eigene Geschichte. Brigitte war für den BFD auf dem Ringgenhof, einer Fachklinik für suchtkranke Männer der Zieglerschen e.V. in Wilhelmsdorf. Die Suchthilfe der Zieglerschen ist einer der größten Anbieter stationärer Suchttherapie in Württemberg. In den Fachkliniken „Ringgenhof“ in Wilhelmsdorf und „Höchsten“ in Bad Saulgau sowie in den ganztägig ambulanten Tagesrehabilitationen in Ulm und Ravensburg werden über 1.000 suchtkranke Patientinnen und Patienten pro Jahr behandelt.

Strahlend begrüßt Brigitte mich an einem trockenen Montag im Dezember 2016 und zeigt mir gleich ihre Schlagfertigkeit: „Hier riecht es aber sehr ländlich“ sage ich beim Ankommen. „Aber deutlich besser und gesünder als bei euch in Stuttgart“, so die Erwiderung – wohlwissend, dass in Stuttgart in diesen Tagen wieder Feinstaubalarm herrschte.

Sehr entspannt und freundlich wirkt es hier. Brigitte ist in der Arbeitstherapie Landwirtschaft des Ringgenhofs eingesetzt. Jetzt, in den Mittagsstunden, haben die Klienten der Klinik Pause in der Arbeitstherapie oder nehmen an anderen Therapieeinheiten teil. So ist Brigitte nun quasi alleine mit „ihren“ Schafen, Ziegen und Hühnern. Diese hatte sie etwa 15 Monate zuvor eingetauscht gegen einen Büroalltag mit Telefon, PC und Akten in einem stickigen Büro ohne Frischluftzufuhr.

In der Winterzeit beginnt der Arbeitsalltag morgens um 6:00 Uhr (in der Sommerzeit um 7:00 Uhr). Die Tiere wollen versorgt werden, egal wie kalt, egal wie nass es ist. Die erste Zeit am Tag arbeitet Brigitte alleine, bevor sich dann um 8:00 Uhr die Kolleg/innen zu Teambesprechungen zusammen finden und um 10:00 Uhr die Arbeitstherapie mit den Patienten beginnt. Gemeinsam werden dann nicht nur Ställe gemistet, Tiere gefüttert, Eier eingesammelt, geputzt, für den Versand vorbereitet und ausgeliefert, sondern auch Lammgeburten begleitet, kranke Tiere versorgt und vieles andere mehr.

Brigitte scheint ihr Paradies gefunden zu haben, das sie nicht mehr eintauschen möchte gegen ihre alte Tätigkeit. Sie genießt ihre naturnahe Arbeit und die Landschaft. Hier erlebt sie sich ganz bei sich, erdverbundener und lebt ein „gesünderes Leben“, so sagt sie. Lange hatte sie in der Zeit vor dem BFD mit sich gerungen und sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Doch der langjährige stressige Büroalltag und die damit verbundene Überlastung und Unzufriedenheit ließen den Wunsch reifen und gaben ihr Mut, etwas Neues zu wagen. Der Arbeitgeber gab grünes Licht und gewährte ihr ein sogenanntes „Sabbatjahr“ - also eine befristete, unentgeltliche Freistellung für 12 Monate, mit der Option, danach wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Nachdem sie seit ihrer Ausbildung in jungen Jahren stets für die Familie da war, ließ sie sich jetzt von ihren Bedürfnissen leiten: 

  • vom Büro in die Landwirtschaft
  • von der Großstadt in die ländliche Idylle.

Schnell hatte sie sich im neuen Umfeld zurecht gefunden und für sich entschieden: hier ist mein Platz. So kam es, wie es kommen musste: sie verlängerte ihren Bundesfreiwilligendienst auf 18 Monate, kündigte ihren Arbeitsplatz in Stuttgart und bekam das Angebot ihrer Einsatzstelle für ein festes Arbeitsverhältnis.


Ihr Fazit bei unserem Gespräch: „Mein Lebenstraum hat sich nun erfüllt!“ Lächelnd beendet sie unser Gespräch, steigt in ihren Dienstkleinbus und braust los: nachmittags fährt sie die hauseigenen Produkte (Eier, Wurst, Felle) im Landkreis aus. Inzwischen hat Brigitte ihren festen Arbeitsplatz im Ringgenhof angetreten und ihre Entscheidung noch keine Sekunde bereut.

Klaus Pertschy  

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