Betreuer Tim Sanna zusammen mit den Jugendlichen Florian und Andi in der Fahrradwerkstatt
 

Montagabend ist Werkstattzeit

Ehrenamt funktioniert – wenn beide Seiten davon profitieren

Es ist schon dunkel, als ich an einem Montagabend die Werkstatt in Kernen im Remstal betrete. Die stickig-warme Heizungsluft erfüllt den Raum, ich rieche die ölverschmierten Schaltungen. Die Begrüßungen fallen herzlich aus – ich bin willkommen. Tim Sanna, der Werkstattleiter, steht mit großer und kräftiger Statur vor mir und reicht mir seine von der Arbeit geschwärzte Hand. Wir unterhalten uns über Fahrräder, neue Produkte und Schwierigkeiten bei der Reparatur. An der Decke hängen Schläuche, am Rand stehen einige Räder, in der Mitte ein großer Montageständer. Eine ganz normale Fahrradwerkstatt.

Doch diese Werkstatt ist nicht wie jede andere. Im Hintergrund hantiert Florian aufgeregt mit der Luftpumpe, sein Rad hat einen Platten. Vor der Werkstatt fährt Andi mit seinem Fahrradtrike umher – hinten zwei, vorne ein Rad. Beide Jungs sind behindert und wohnen mit über 150 Gleichaltrigen im Kinder- und Jugendbereich der Diakonie Stetten. Und der Werkstattleiter? „Mein Name ist Tim Sanna, ich bin 43 Jahre alt, habe drei Kinder und betreue in meiner Freizeit ehrenamtlich die Fahrradwerkstatt.“ In dieser besonderen Werkstatt lohnt sich also der Blick hinter die Kulissen.

Die Situation wirkt vertraut und eingespielt. Jeder Handgriff sitzt und es wird viel gelacht – Tim Sanna kennt seine Jungs mittlerweile. Er engagiert sich seit über fünf Jahren in der Fahrradwerkstatt. Der 43-Jährige kennt sich aus mit Fahrrädern - als hauptberuflicher Zweiradmechaniker bringt er berufliche Kompetenz in sein privates Engagement ganz selbstverständlich mit ein. „Früher war die Situation hier schwieriger. Als ich 2008 angefangen habe, hatten wir noch lange nicht die Ausrüstung und die Räumlichkeiten wie heute. Anfangs musste ich sogar mein eigenes Werkzeug mitbringen und mit Schrauben und Fahrradschläuchen aushelfen. Mittlerweile komme ich in eine top ausgerichtete Fahrradwerkstatt – wir müssen uns wirklich nicht mehr verstecken.“

Nachdem die Diakonie mit Sanna einen kompetenten Ehrenamtlichen gefunden hatte und die Jugendlichen scharenweise in Richtung Werkstatt pilgerten, lief eine Spendenkampagne an. Mit einem Ergebnis von rund 100.000 Euro konnte nicht nur neues Werkzeug und Material angeschafft, sondern auch eine neue kubusförmige Werkstatt gebaut werden. Zwischen dem Kubus und der alten Werkstatt liegt ein frisch verlegter Innenhof, hier können die Jugendlichen ihre frisch reparierten Zwei- und Dreiräder direkt testen.

So wie Andi es mit seinem Rad gerne macht.  Er fährt ständig umher und bemerkt mich erst nach einer halben Ewigkeit, als er einmal anhält. Der 21-Jährige staunt über meinen großen Foto und als ich ihm erkläre, dass wir sogar den gleichen Namen tragen, ist er hellauf begeistert. Andi freut sich und stampft auf den Boden – das Eis zwischen uns ist gebrochen. Er erzählt mir vor seinem Geburtstag, seinen Geschenken und wir unterhalten uns eine ganze Weile. Ich beginne zu verstehen, was die Ehrenamtlichen bei ihrer Arbeit empfinden. Dankbarkeit, Glück und die Unbeschwertheit der Kinder und Jugendlichen. Ohne sein Fahrrad wäre Andi kaum mobil, es fällt ihm schwer zu gehen und er muss beim Gehen jeden Fuß langsam vor den anderen setzen.

„In der Werkstatt sorgen die Kinder praktisch für ihre eigene Mobilität, um ihre Einschränkungen überwinden zu können.“ Tim Sanna erzählt freundlich und bestimmt von der Geschichte der Fahrradwerkstatt und von seiner Motivation. Aber was treibt einen bodenständigen Mann mit forderndem Beruf und eigener Familie zu diesem außergewöhnlichen Engagement?

2006 war Sanna für einen Auslandsaufenthalt in Kanada. Der Fahrradmechaniker  kam beeindruckt und inspiriert zurück. Natürlich hatte ihm die Landschaft gefallen, aber etwas Bedeutenderes berührte ihn. „In Kanada ist ehrenamtliches Engagement völlig normal. Die Leute gehen unter der Woche zur Arbeit und helfen am Wochenende ganz selbstverständlich in ehrenamtlichen Projekten. Das hat mich schon geprägt.“

Er kam zurück in die schwäbische Provinz und entdeckte beim Tag der offenen Tür in der Diakonie Stetten eine Stellenausschreibung: „Ehrenamtlicher Betreuer für Fahrradwerkstatt gesucht.“ Das war der Startschuss für das Projekt.

Florian unterbricht uns im Gespräch und braucht Hilfe beim Reifenwechsel. Der 15-Jährige ist ein aufgeweckter Junge und beinahe jeden Montag in der Werkstatt. „Ein echter Tüftler“, verrät Sanna und wendet sich ihm zu, um ihm bei der Montage des Hinterrads zu helfen. Udo Trichtinger, Bereichsleiter des Kinder- und Jugendbereichs der Diakonie Stetten, berichtet von der Idee der Werkstatt. „Viele unserer Kinder und Jugendlichen fahren Fahrrad oder Kettcar. Bis zur Gründung der Fahrradwerkstatt hatten wir zwar einzelne Fahrzeuge aus Privatbeständen oder Spenden, aber keine wirkliche Möglichkeit diese zu reparieren. Jetzt haben wir hier einen lebendigen Treffpunkt, an dem die Jugendlichen sich sinnvoll beschäftigen, neue Fähigkeiten erlernen und auch sozial davon profitieren.“ Trichtinger schwärmt vom Konzept der Fahrradwerkstatt und ich beobachte die Reparatur von Florians Hinterrad. Am großen Montageständer in der Raummitte hängt sein Rad, gemeinsam haben sie es dort befestigt. Die hellen Lampen der Neonröhren tauchen die Werkstatt in ein besonderes Licht. Wie in Zeitlupe kümmert sich Tim Sanna um Florian. Er beruhigt ihn, wenn der 15-Jährige zu hektisch arbeitet und erklärt ihm die Abläufe der Reparatur. Florian darf und kann vieles selbst erledigen. Ich bin beeindruckt.

Bei der Reparatur wird vor allem Wert darauf gelegt, dass die Fahrräder sicher und fahrbereit sind. Aus alten Rädern werden Ersatzteile ausgebaut, um sie dann später wiederzuverwenden. Reifen werden aufgepumpt, Schläuche geflickt und Schaltungen repariert. „Da können die Jugendlichen echt viel selbst erledigen.“

Für Sanna bedeutet das Ehrenamt auch Einschnitte in seinem Privatleben. „Natürlich verzichte ich durch mein Engagement auf Freizeit. Freunde von mir waren zu Beginn überrascht und meine Familie muss am Montagabend ohne mich auskommen. Aber dieses Lächeln der Kinder ist für mich mehr Wert als Geld und für die Kids ein absoluter Grund zur Freude. Das macht meine Arbeit aus.“

Die Pläne für die Zukunft sind groß. Gemeinsam mit dem Projekt „Der Rote Faden“ der Bürgerstiftung Kernen will die Werkstatt sich in Zukunft auch mehr für junge Menschen aus Kernen öffnen. „Unser Ziel ist es behinderte und nichtbehinderte Kinder und Jugendliche zusammenzubringen. Zum Beispiel mit einer gemeinsamen Fahrradprüfung in der vierten Klasse oder mit Fahrradausflügen, die von der Werkstatt angeboten werden“, erklärt Hans-Ulrich Häußer die ehrgeizigen Pläne für die Zukunft. Er ist einer der Ehrenamtlichen des roten Fadens, der sich schon in der Fahrradwerkstatt engagiert und sein Engagement in Zukunft noch verstärken will. „Ich arbeite hier, weil ich mit den Kindern Spaß habe und selbst dazulernen kann. Natürlich haben wir mit Herr Sanna einen unglaublich kompetenten Mann, aber wir wollen in Zukunft mehrere Ehrenamtliche mit Erfahrung als Fahrradmechaniker haben. Dann können wir die Werkstatt im Sommer auch mal an mehreren Tagen auf machen und unseren Kollegen entlasten.“ Nebenbei und für ihn selbstverständlich bietet Tim Sanna zur Zeit also auch noch mehrstündige Schulungen für seine Kollegen vom Roten Faden an.

Für Udo Trichtinger ist die Werkstatt mit allen Ehrenamtlichen ein Glücksfall – eine Bereicherung für die Diakonie Stetten und für alle Kinder und Jugendlichen.
Für Tim Sanna ist sein Engagement Alltag und Lernfeld zugleich. „Mir gibt die Arbeit hier auch ganz viel zurück und ich lerne jeden Montag dazu.“

 

Autor Andreas Brodbeck besuchte die Fahrradwerkstatt der Diakonie Stetten im Februar 2014 – beeindruckt von den Impressionen und vom persönlichen Engagement der Ehrenamtlichen

 

 

 

  

 

 

 
Fahrräder in der Werkstatt
 
Betreuer Tim Sanna bei der Hinterradmontage mit Florian
 
Das Ersatztteillager der Fahrradwerkstatt
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