Friedemann Schäfer, Erika Rapp und Lars Kleindiek (von links)

Morgens Gärtner, mittags Küster, abends ...

Mittags ist Friedemann Schäfer Küster, was in Württemberg eigentlich Mesner heißt. Manchmal aber ist er auch Prediger. Man kann den 34-Jährigen aber auch auf dem Traktor oder in der Werkstatt antreffen. Sein Kollege Lars Kleindiek mag den Einachsschlepper besonders. Aber auch der Aufsitztraktor, der zur Rasenpflege eingesetzt wird, ist für ihn ein toller Arbeitsplatz. Kleindiek ist der Grafiker des Hauses, gestaltet den Monatskalender 2014, übernimmt Mesnerdienste, fährt Getränke, ist wie Schäfer Gehilfe des Hausmeisters. Beide sind, ebenso wie Erika Rapp, Bufdis – Absolventen des Bundesfreiwilligendienstes im Kloster Kirchberg bei Sulz am Neckar. Im Fachjargon BFDü27 genannt.

Einsam liegt die Anlage auf einer Anhöhe im Land zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald. Im 13. Jahrhundert als Dominikanerinnenkloster gegründet, erfüllt die gepflegte weitläufige Anlage drei Funktionen: Das Kloster ist Tagungsstätte für Gruppen aller Art, ist Haus der Stille für Menschen, die Ruhe und Abgeschiedenheit suchen und ist Heimstätte für drei evangelische Gemeinschaften, die sich für die Erneuerung und Einheit der Kirche einsetzen: der Berneuchener Dienst, die Evangelische Michaelsbruderschaft und die Gemeinschaft St. Michael.

Lars Kleindiek

Diese Gemeinschaften prägen den Alltag im Kloster Kirchberg – zum Beispiel durch die täglich vier Gebetszeiten. „Das war mir schon sehr fremd“, sagt Lars Kleindiek (Foto links). „Die Kirche besuchte ich halt an Weihnachten.“ Aber nun nimmt der 46-Jährige gelernte Grafiker  ziemlich regelmäßig an den kurzen Feiern frühmorgens um 7.45 Uhr, um 12 Uhr, um 18 und 21 Uhr teil. Weil die Feiern nach einer strengen Ordnung ablaufen trägt Kleindiek dann einen Umhang. Er trifft die Vorbereitungen, legt Gesangbücher und Liturgiebücher bereit, entzündet die vielen Kerzen, die während der Feier brennen, schaltet das Glockengeläut. Mit einer tiefen Verneigung grüßen sich vor Beginn einer jeden Gebetsfeier Küster und der Leiter der Feier. Dann schließt Kleindiek die Kirchentür. Es gibt nun keinen Eintritt mehr. Erst nachdem zum Angelusgebet nach drei Sätzen jeweils drei Mal die Glocke angeschlagen hat und der Segen gesprochen ist, öffnet sich die Kirchentür wieder. „Es ist angenehm in einer solchen Ordnung zu leben“, meint Kleindiek.  „Wenn ich nicht auf dem Kirchberg bin, und es Zeit für das Morgen-, Mittags- oder Abendgebet ist, dann fehlt mir etwas, dann denke ich: Jetzt ist auf dem Kirchberg Gebetszeit.“ Nicht dass er, aus dem Ruhrgebiet stammend, in den sechs Monaten fromm im traditionellen Sinne geworden wäre. „Ich verstehe vieles nicht, aber ich merke, das Leben hier tut mir gut.“ Kleindiek will sich beruflich neu orientieren – vielleicht in Süddeutschland, vielleicht aber auch im Osten oder im Norden.

Ohne liturgisches Gewand ist Friedemann Schäfer, Gärtner, Hausmeister, Fahrer, manchmal auch Prädikant in den evangelischen Gemeinden des Kirchenbezirks Sulz am Neckar. Schäfer hat sich lange mit Texten der Bibel beschäftigt. Er ist Diplomtheologe und will im März Pfarrer in einer kleinen Gemeinde im Erzgebirge werden. Die Wartezeit bis dahin überbrückt er im Bundesfreiwilligendienst. „Liturgie“, also der regelmäßige Ablauf  religiöser Feiern und Riten, „haben mich in der Ausbildung wenig interessiert“, sagt er.  „Hier auf dem Kirchberg entdecke ich den tiefen Sinn des Regelmäßigen, Gleichbleibenden und finde die strenge Ordnung gut.“ Gut für die Leitung der Tagungsstätte ist freilich auch, dass Friedemann Schäfer ausgebildeter Zimmermann ist. Er hat in den letzten Monaten alle Türen der Gästezimmer überholt – und am schönsten Platz der ganzen Klosteranlage eine Rundbank um eine Linde gebaut. Von dort aus hat man einen prachtvollen Blick zur Kette der Albberge aus denen die Burg Hohenzollern herausragt. Dieser Platz, weiß Schäfer, ist bei den Tagungsgästen vor allem am frühen Morgen begehrt. Wenn die Sonne über der Schwäbischen Alb aufgeht, sitzen Gäste des Hauses zur privaten Meditation auf dieser Bank. 

Erika Rapp ist 41. Die Kauffrau hat lange in der Reisebranche gearbeitet. Jetzt sucht sich nach einer neuen beruflichen Herausforderung. So wie ihr geht es vielen. Sie nutzen den Bundesfreiwilligendienst auch dazu, sich in neuen Arbeitsfeldern zu erproben. Erika Rapp will wieder in ein Büro, und sie will direkten Kontakt zu Menschen. Friedemann Schäfer ist der erste der dreien, der  den Kirchberg verlassen wird.  Dann geht Erika Rapp, die den Freiwilligendienst für sich auf sechs Monate begrenzt hat. Kleindieks Einsatz endet im Sommer. Er kann sich jetzt gut vorstellen, seinen Freiwilligendienst noch einmal um sechs Monate zu verlängern – das wäre dann die gesetzlich festgelegte Höchstdauer. Wann immer sie das Kloster Kirchberg verlassen: die drei sind sich einig: „wir werden die besondere Atmosphäre vermissen“ – und vielleicht eines Tages zurückkommen – dann nicht als Bufdis, sondern als Gäste.

Text und Fotos: M. Ernst Wahl

Friedemann Schäfer mit seiner Bank

Friedemann Schäfer mit seiner Bank

Erika Rapp an der Rezeption

Erika Rapp arbeitet an der Rezeption

Kloster Kirchberg

Kloster Kirchberg

Lars Kleindiek

Lars Kleindiek bei der Arbeit

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