Vorfahrt für Familien

Familienpolitische Positionen der Diakonie Württemberg 

Einführung: Familie im Blick

Die Diakonie Württemberg legt hier ihre familienpolitischen Positionen vor. Sie macht sich für eine wirksame Familienpolitik stark, die eine Entscheidung für Familie und die damit verbundene Verantwortung  für Kinder und andere Angehörige mit Unterstützungsbedarf erleichtert. Sie hat dabei insbesondere arme, benachteiligte und überforderte Familien und Familien mit behinderten Kindern und Angehörigen im Blick. Mit einer großen Vielfalt von Angeboten der Beratung, Unterstützung und Entlastung trägt sie zur Förderung von Familien in schwierigen Lebenssituationen bei und stärkt sie in ihren Kompetenzen. Als Arbeitgeberin steht sie selbst vor der Herausforderung, ihre Einrichtungen und Dienste familienfreundlich zu gestalten. In diese Positionierung sind familienpolitische Stellungnahmen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und des Diakonischen Werkes der EKD (DW EKD) aufgenommen. 

 

Familie als vorrangiger Lebensraum

Familie ist der vorrangige Lebensraum, in dem Kinder aufwachsen und sich entwickeln können. Familie ist auch nach wie vor der wichtigste Ort, an dem alt gewordene, kranke oder behinderte Familienmitglieder versorgt und gepflegt werden. Sie erfüllt Funktionen, die der Gesellschaft als Ganzer zugute kommen. In der Familie können Kinder Mitmenschlichkeit, Zusammenhalt, Verantwortung und Rücksichtnahme lernen und einüben, auch wenn dies nicht immer gelingt. Funktionierende familiale Netzwerke über Generationen hinweg entlasten die Allgemeinheit und den Sozialstaat erheblich. Nicht zuletzt ist ihre "reproduktive Funktion", die Weitergabe des Lebens, eine fundamentale Voraussetzung für die Zukunft einer Gesellschaft. Familien erbringen damit einen unverzichtbaren Beitrag zur Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Mit diesen Aufgaben darf die Familie nicht allein gelassen werden.      

 

Familie im Wandel

Das Bild von Familie hat sich in der jüngeren Vergangenheit stark gewandelt. Zu den wichtigsten Entwicklungen gehören dabei die Veränderung im Geschlechterverhältnis sowie die Vielfalt der Familienformen. Hinzu kommen die rasanten Entwicklungen der Arbeitswelt mit ihren hohen Anforderungen an Mobiliät und Flexibilität, die das Leben von Familien sehr verändert haben. Verdichtete Zeitstrukturen, prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse verlangen ebenso wie die zunehmende Auseinanderentwicklung von Arm und Reich eine achtsame Gesellschafts- und Familienpolitik, welche nicht nur die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, Müttern und Vätern, sondern auch die von alten, kranken und behinderten Familienangehörigen einschließt.

Trotz aller Veränderungen kommt bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen in allen empirischen Umfragen zum Ausdruck, dass Familie und Partnerschaft eine herausragende Bedeutung haben und große Wertschätzung erfahren. Neben dem Wunsch nach privatem Glück und verlässlichen Beziehungen ist "die Familie" mit vielfältigen Erwartungen verknüpft, die nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Bedeutung haben. 

Die gesellschaftlichen Entwicklungen haben zu einer Vielzahl von Formen familiären Lebens geführt. Dazu zählen heute Ehepaar- ,Eineltern-, Stief- und Patchworkfamilien, ebenso unverheiratete Paare, Lebensgemeinschaften und Lebenspartnerschaften mit Kindern und andere durch Verwandtschaft verbundene Gemeinschaften. Das wichtigste Merkmal von Familie besteht darin, dass Generationen miteinander verbunden sind und Menschen füreinander Verantwortung übernehmen. Für ein evangelisches Familienverständnis sind Freiheit und Verantwortung, Verbundenheit und Verlässlichkeit wesentliche Grundlagen. (1) 

Familienpolitik als Querschnittsaufgabe

Für die Diakonie Württemberg kommt es entscheidend darauf an, dass Angebote für Familien die unterschiedlichen Lebenssituationen berücksichtigen, die sich durch die verschiedenen Lebensformen, Lebenslagen, sozialen und kulturellen Hintergründe ergeben. Eine nachhaltige Familienförderpolitik muss darauf abheben, Armut und Ausgrenzung zu überwinden, Überforderung zu vermeiden und allen Kindern faire Zukunftschancen zu eröffnen. In diesem Sinne ist Familienpolitik eine gesellschafts-politische Querschnittsaufgabe. „Damit diese Querschnittsaufgabe gelingen kann, ist eine Zusammenarbeit verschiedener Politikbereiche wie zum Beispiel Soziales, Gesundheit, Bildung, Umwelt, Stadtplanung und Wohnungsbau notwendig.“ (2)

 

1.      Gerechtigkeit muss Leitprinzip der Familienpolitik sein

Die Diakonie Württemberg setzt sich für eine Familienpolitik ein, die die Rechte von Familien und ihren Mitgliedern einfordert, Gerechtigkeit zwischen Geschlechtern und Generationen anstrebt und insbesondere benachteiligten Kindern gleichberechtigte Bildungs- und Entwicklungschancen eröffnet, welche eine wesentliche Voraussetzung zur Überwindung von Armut und Ausgrenzung bilden.  

Recht auf gesicherte Existenz und Teilhabe

Familien und ihre Mitglieder haben Rechte. Dazu gehört nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 9. Februar 2010 das „Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums“, das auch „ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben umfasst.“ Entsprechend müssen insbesondere die Regelsätze für Kinder den kindspezifischen Bedarf altersgemäß berücksichtigen und Ausgaben für Bildung, soziale Teilhabe und Maßnahmen der Gesundheitsförderung enthalten. „Kinder bereichern unser Leben. Sie dürfen nicht zum Armutsrisiko werden.“ (3) Anzustreben ist eine wirksame Kindergrundsicherung, die das soziokulturelle Existenzminimum von Kindern abdeckt und durch Zusammenführung des bisherigen Kindergeldes und anderer Leistungen weitgehend finanziert werden kann. Ebenso müssen Löhne so ausgestaltet sein, dass sie eine gesicherte Existenz und das Ansparen einer Altersrente oberhalb des Existenzminimums ermöglichen, damit nicht kommende Generationen die Last einer absehbaren großen Altersarmut zu tragen haben. Zu berücksichtigen ist auch die UN-Behindertenrechts-konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Sie verlangt eine umfassende soziale Inklusion, die volle Teilhabe und wirksame Einbeziehung in die Gesellschaft.

Gerechtigkeit gründet im Recht auf ein menschenwürdiges Leben, zu dem das Recht auf Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben gehört. Diese Rechtsvorstellung wurde in der jüdisch-christlichen Tradition entwickelt. Schon in biblischer Zeit wird gefordert „Schafft Recht dem Armen und der Waise und helft dem Bedürftigen zum Recht“ (Psalm 82,3). Oder: „Schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache“ (Jesaja 1,17). Gleiches Recht auch für die Fremden: „Der Fremde soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,33f).

Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern

Familienpolitik muss ferner dazu beitragen, das Geschlechterverhältnis gerechter zu gestalten und mehr Symmetrie bei der Familien- und Erwerbstätigkeit zwischen Männern und Frauen zu ermöglichen. Es geht dabei sowohl für Männer als auch für Frauen um ein Umdenken und Neubewerten von Tätigkeiten am Arbeitsplatz, im Haushalt, bei der Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen. Immer noch sind Erziehung und Pflege zu sehr Frauensache, dominieren Männer in den Führungsetagen und Leitungsgremien auch in der Diakonie. Nötig ist deshalb eine gezielte und unterschiedlich akzentuierte Förderung von Frauen und Männern, Jungen und Mädchen, die schon in der Schule mit der Vermittlung lebenspraktischer Fähigkeiten quer zu den klassischen Rollenbildern verbunden sein sollte. Gleiche Bezahlung von Frauen und Männern ist durchzusetzen, die meist von Frauen ausgeübte Arbeit im sozialen Bereich aufzuwerten..

Entgegen manchen noch patriarchal geprägten Vorstellungen in der Bibel geht die Schöpfungsgeschichte von der grundsätzlichen Gleichwertigkeit der Geschlechter aus: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau“ (1. Mose 1,27). Noch anschaulicher wird dies in der zweiten Schöpfungserzählung, wo es wörtlich übersetzt heißt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe schaffen, ein Gegenüber, das ihm entspricht“ (1. Mose 2, 18). Mann und Frau sollen demnach partnerschaftlich miteinander kommunizieren und sich wechselseitig in der Bewältigung des Alltags unterstützen. 

Gerechtigkeit zwischen den Generationen

Familienpolitik muss auch einen Beitrag zur Generationengerechtigkeit leisten. Dabei geht es nicht nur um gute Beziehungen zwischen den Generationen und gegenseitige Fürsorge, sondern auch um ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Chancen zukünftiger Generationen im Vergleich zu den Möglichkeiten der gegenwärtigen Generation. Zu niedrige Löhne produzieren heute die Altersarmut von morgen. Eine kurzsichtige Umwelt- und Klimaschutzpolitik hinterlässt kommenden Generationen ein schweres Erbe. Deshalb gilt es, Chancen und Lasten zwischen den Generationen fair aufzuteilen. Die Diakonie Württemberg plädiert für einen solidarischen Pakt der Generationen, eine entsprechend vorausschauende Fiskal-, Sozial- und Umweltpolitik und motivierende generationenübergreifende Angebote. 

Das vierte Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr dein Gott geben wird“ (2. Mose 20,12) zielt auf eine gesicherte Versorgung der älteren Generation und verlangt wechselseitige wirtschaftliche Solidarität der Generationen. In schwierigen Zeiten hofft der Prophet Maleachi auf die Wiederkehr des Propheten Elia: „Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu den Vätern“ (Maleachi 3,24). Nur Verständnis der Generationen und solidarisches Eintreten füreinander macht nach biblischer Überzeugung eine Gesellschaft zukunftsfähig.

Es ist keine Frage: Eine Familienpolitik, die Familien nachhaltig fördert und in die Zukunft unserer Kinder investiert, kostet Geld. Für eine solide Finanzierung einer solchen Familienpolitik braucht es insgesamt ein höheres Steueraufkommen. Dies hat viel mit Gerechtigkeit zu tun, zumal Familien zurzeit auch noch einen großen Teil der Steuerlast tragen. Die Diakonie Württemberg fordert auf diesem Hintergrund ein Steuersystem, das nach Leistungsfähigkeit besteuert und alle Einkunftsarten umfasst. Eine gerechte aufwandsbezogene Verteilung der öffentlichen Mittel muss dabei den Bedarf der Landkreise und Kommunen im Blick haben. 

 

2.      Familien brauchen wirtschaftliche Sicherheit

Weit mehr als zehn Prozent der Kinder in Baden-Württemberg wachsen in Familien auf, die armutsgefährdet sind. In Ein-Eltern-Familien sind sogar rund 30 Prozent auf Sozialtransfers angewiesen. „Die stärkste Armutsgefährdung von Familien geht von der mangelnden Erwerbsbeteiligung der Eltern aus.“ (4)Hinzu kommt die Ausweitung des Niedriglohnsektors, die millionenfach prekäre Arbeitsverhältnisse hervorgebracht hat.

Die wirtschaftliche Situation prägt in hohem Maße die Gesamtverfassung der Familie und beeinflusst entscheidend die Zukunftschancen von Kindern. Familien brauchen ein ausreichendes Einkommen, das sie über ihre eigene Arbeit verdienen möchten. Die Verpflichtungen, die sich aus der Familie ergeben, setzen der zeitlichen und räumlichen Flexibilität von Eltern Grenzen und mindern ihre Arbeitsmöglichkeiten. Dies gilt in besonderem Maße für Alleinerziehende. Familien brauchen gut erreichbare Arbeitsplätze, alltagstaugliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie existenzsichernde Löhne. Bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt benötigen Langzeitarbeitslose und ihre Familien eine enge Begleitung und Beratung.

Für Familien ohne Arbeitseinkommen müssen die Unterstützungsleistungen ein menschenwürdiges Existenzminimum sicherstellen, das ihnen soziale, kulturelle und politische Teilhabe ermöglicht. Familienleistungen und soziale Transfers sind lebenslagenorientiert und lebensphasenspezifisch auszugestalten. Eine flächendeckende familienunterstützende Infrastruktur und bedarfsgerechte Regelsätze bzw. eine Grundsicherung für Kinder können wesentlich dazu beitragen, dass sich Armut nicht verfestigt und an die nächste Generation weitergegeben wird.

 

3.      Familien- und Erwerbstätigkeit zu einem guten Leben verbinden

Es ist eine zentrale Aufgabe der Familienpolitik, geeignete Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Männer und Frauen ihre Kinderwünsche verwirklichen, Generationensolidarität leben und Familien- und Erwerbsleben nach ihren individuellen Lebensvorstellungen miteinander verbinden können. Verschiedene Bereiche müssen dabei vernetzt ineinander greifen, damit die Erziehung von Kindern oder die Pflege von Angehörigen mit Ausbildung, Studium und Erwerbsarbeit vereinbar sind. Dazu braucht es familienorierentierte Möglichkeiten der Arbeitszeitgestaltung mit besonderen Angeboten in der Elternzeit und Freistellungsmöglichkeiten für Pflegeaufgaben sowie eine unterstützende Infrastruktur vor Ort mit verlässlichen Angeboten der Kinderbetreuung für alle Altersgruppen, haushaltsnahen Dienstleistungen und entlastenden Netzwerken für pflegende Angehörige. „Wo Kirchengemeinden, Landeskirche und Diakonie selbst Arbeitgeberinnen sind, müssen sie auf familienfördernde Arbeits- und Arbeitszeitregelungen aus sein und sie verbessern.“ (5)

Zeitmangel und "Stress" gehören zu alltäglichen Begleitern. Der Familienbericht der Bundesregierung (6) bemängelt nicht nur die fehlende Zeit von Familien im Alltag, sondern kritisiert auch die zunehmende Zeitknappheit im Lebensverlauf. Die herrschende Logik des Arbeitsmarktes mit seinem Anspruch nach Verfügbarkeit, Mobilität und Flexibilität läuft den Bedürfnissen von Familien nach Zeit, Konstanz und Sicherheit oft diametral zuwider. Ein abgestimmtes Zusammenspiel von Arbeits-, Erziehungs- und Pflegezeiten trägt wesentlich zu einem guten Leben von Familien bei. Auch der Aufbau von sozialen Netzwerken ist ohne Zeit nicht möglich. Familienpolitik muss daher auch Zeitpolitik sein und zur Entschleunigung beitragen. Angebote der Tagesbetreuung für Kinder bis zum 16. Lebensjahr sind dabei eine wichtige Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dazu bedarf es verlässlicher Öffnungszeiten und entsprechender Betreuungsangebote besonders für Kinder unter drei Jahren. Modelle von Jahres- und Lebenszeitkonten sollten verstärkt in der Wirtschaft entwickelt und angeboten werden. 

 

4.      Eltern stärken durch Frühe Hilfen

Wichtig ist, dass Kinder von Beginn an gut ins Leben kommen und möglicher Überforderung der Eltern präventiv begegnet wird. Durch den Ausbau Früher Hilfen und der Frühförderung soll ein tragfähiges Netz von Angeboten von Beginn einer Schwangerschaft bis zum Ende des dritten Lebensjahres des Kindes geschaffen werden. Es unterstützt frühzeitig Familien in prekären Lebenslagen und Risikosituationen und stärkt elterliche Beziehungs-, Erziehungs- und Alltagskompetenz. Dadurch können Kinder und Jugendliche vor Vernachlässigung und Misshandlung besser geschützt werden. Dies gelingt am Besten durch nicht stigmatisierende Angebote für alle Eltern und in wertschätzender Zusammenarbeit mit ihnen. Dazu müssen Jugendhilfe, Eingliederungshilfe und das Gesundheitswesen mit den jeweiligen Diensten besser vernetzt und aufeinander bezogen werden. 

 

5.  Eltern- und Familienbildung haben eine Schlüsselrolle

Erziehungsverantwortung übernehmen, Angehörige pflegen, Krisen meistern, Familie und Beruf unter einen Hut bringen, das alles stellt hohe Anforderungen an Kenntnisse und Fähigkeiten von Eltern. Durch Maßnahmen der Eltern- und Familienbildung, durch Beratung und Begleitung sollen Mütter und Väter darin gestärkt werden, ihre Aufgaben in Versorgung, Erziehung und Pflege besser wahrnehmen und konfliktreiche Situationen lösen zu können. Es gilt, kräftezehrenden Überforderungssituationen zum Beispiel in der Pflege vorzubeugen und Familien darin zu bestärken, sich ggf. durch ambulante oder stationäre Pflege Unterstützung zu holen.

Die Vielzahl der Anforderungen an die Familie macht die Eltern- und Familienbildung zu einer gesellschaftlichen Querschnittsaufgabe. Sie hat einen zentralen Stellenwert im Gesamtgefüge zwischen Bildung und Förderung, der noch zu wenig beachtet wird. Neue Wege der Zusammenarbeit zwischen den Trägern der Familienbildung, der Tagesbetreuung, der Schule oder der Familienpflege- und Pflegedienste müssen eingeschlagen und deren Finanzierung sichergestellt werden. 

Familie ist der erste und wichtigste Bildungsort. Um insbesondere die Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen aus bildungsungewohnten Familien zu verbessern, ist es wichtig, nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Eltern als Partner in ihrer Kompetenz zu stärken und einzubinden. Angebote der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit Eltern müssen dabei niedrigschwellig sein, sich am Alltag von Familien orientieren und die Besonderheiten unterschiedlicher Familienformen, Lebenslagen und kultureller Prägungen berücksichtigen. Interkulturelle Orientierung von Tageseinrichtungen für Kinder, der Schulen und der damit verbundenen Unterstützungsangebote ist dabei unerlässlich. Lokale Bündnisse für Familien ermöglichen eine effiziente Vernetzung vor Ort.

 

6.  Bildung für alle und von Anfang an

Gute Erziehung und Bildung sind entscheidende Voraussetzungen für eine gelingende Lebensbewältigung. Entwicklungsmöglichkeiten und Bildungschancen dürfen nicht vom Einkommen der Eltern oder der sozialen Herkunft abhängen, sondern müssen allen Kindern und Jugendlichen offen stehen, und zwar von Anfang an.  

Das Diakonische Werk Württemberg setzt sich deshalb für den quantitativen und qualitativen Ausbau der Tagesbetreuung von Kindern ein. Wichtig ist dabei die Erweiterung des Aufgabenprofils von Kindertageseinrichtungen, zu dem wesentlich die Elemente Bildung, Beratung, Kommunikation und nachbarschaftliche Selbsthilfe gehören. Deren Weiterentwicklung zu Familien- oder Nachbarschaftszentren unterstützt Beteiligung und fördert Bildungspartnerschaften. Interkulturelle Orientierung und die Förderung von Mehrsprachigkeit sollten dabei im Blick sein.

Der Aspekt der Inklusion im Bildungsbereich kommt durch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verstärkt in den Blick. „Bildungsgerechtigkeit ist unvereinbar mit Ausgrenzung – deshalb fordern wir umfassende Neuansätze für eine inklusive Bildung von der Kindertageseinrichtung bis zur Schule für Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf … Bildungsgerechtigkeit verlangt erweiterte Förderung und Unterstützung – deshalb müssen alle Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit zum Besuch einer Ganztageskinderstätte und einer Ganztagesschule einschließlich sozialpädagogischer, schulpsychologischer und seelsorgerlicher Unterstützung erhalten.“ (7)

Bildung dient der geistig-seelischen Entfaltung und Entwicklung und schließt künstlerische Betätigung und religiöse Bildung ein. „Die Persönlichkeitsentwicklung ist durch den Erwerb eines profunden Verfügungs- und Orientierungswissens zu stärken, weil dieses Wissen eine wesentliche Voraussetzung für Teilhabegerechtigkeit und selbstverantwortliche Lebensgestaltung darstellt.“ (8) Dabei ist die außerschulische und informelle Bildung neu zu würdigen und entsprechend auch finanziell zu fördern.

 

7.  Familienfreundliche Infrastruktur  

Im Hinblick auf die Verteilung von Bildungschancen, die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wie auch zur Überwindung von Krisen- und Notsituationen ist der Ausbau einer familienfreundlichen Infrastruktur zwingend. Der Ausbau familienunterstützender Angebote muss Vorrang haben. 

Viele Familien bewältigen schwierige und krisenhafte Phasen aus eigenen Kräften. Nicht alle können jedoch auf notwendige Ressourcen wie ein funktionierendes Netzwerk familiärer oder nachbarschaftlicher Unterstützung zurückgreifen. Die Belastungen des Alltags, insbesondere Existenzsorgen, Krisen in der Paarbeziehung oder im Eltern-Kind-Verhältnis, Trennung, Behinderung, Krankheit oder Tod von Familienmitgliedern erfordern professionelle Beratung, Bildung und weiterführende Hilfen, die Familien befähigen, ihr Leben auch in schwierigen Zeiten gut zu bewältigen. 

Die Diakonie in Württemberg setzt sich daher für eine lebenslagenorientierte und lebensphasenspezifische Familienförderung ein. Familien, speziell in Notsituationen, sind auf schnelle und unkomplizierte Entlastung und Hilfe angewiesen, wie sie u.a. durch die Sozial- und Lebensberatung, die Familienpflege und Dorfhilfe, die sozialpädagogische Familienhilfe, Mütter- und Väter- bzw. Eltern-Kind-Kuren oder Angebote der Familienerholung gemacht werden. Dazu gehören auch die Frauen- und Kinderschutzhäuser. Die familienunterstützenden Angebote müssen sich auch Familien mit behinderten und psychisch kranken Kindern oder Elternteilen im Blick haben.

Familienförderung ist eine gemeinschaftliche Aufgabe, die eine abgestimmte Vernetzung auf Landesebene und kommunaler Ebene erfordert. Sie ist von der Landesregierung maßgeblich anzustoßen und systematisch zu konzipieren. Angebote der Betreuung, Bildung, Beratung, Gesundheitsförderung, Unterstützung und Entlastung für Eltern, gezielte Sprachförderung zur Integration aber auch Förderung in den Bereichen Sport, Musik, Kultur und Freizeitgestaltung müssen ausgebaut - und wenn nicht kostenfrei, so doch kostengünstig angeboten werden. Verschiedene Systeme wie etwa Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, Gesundheitswesen, Schule, Kirchengemeinden, Vereine und Kommunen müssen neue Wege der Zusammenarbeit gehen. Eine effektive Vernetzung der Angebote von kommunalen, kirchlichen und freien Trägern auf der örtlichen Ebene ist dabei unverzichtbar. Sozialraumplanung sollte künftig unter der Leitvorstellung von Inklusion in einem umfassenden Sinne erfolgen.

Die Diakonie Württemberg stellt auf der lokalen Ebene selbst einen beträchtlichen Teil dieser Infrastruktur zur Verfügung mit Beratungsstellen, stationären Einrichtungen und ambulanten Diensten der Kinder-, Jugend-, Behinderten- und Altenhilfe, der Gesundheitsversorgung von Familien, mit Kindertagesstätten und Schulen. Dazu kommen die Angebote und Netzwerke der Kirchengemeinden. Sie leistet damit zusammen mit anderen Wohlfahrtsverbänden einen wesentlichen Beitrag zur Förderung und Unterstützung von Familien. 

Verwendete Literatur/Grundlagentexte:  

  • Arm im Kinderland? Familien und Kinder wirksam vor Armut und ihren Folgen schützen. Positionen und Forderungen des Landesfamilienrates Baden-Württemberg, Stuttgart 2010.
  • Familienpolitische Entwicklungen – Angebote für Familien. Report Familien in Baden-Württemberg 01/02 2010, hrsg. vom Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familien und Senioren Baden-Württemberg. 
  • Familien wirksam fördern und ihre gesellschaftliche Teilhabe sichern. DW EKD: Diakonie-Texte 15.2008.
  • Was Familien brauchen. Eine familienpolitische Stellungnahme des Rates der EKD. EKD-Texte 73, 2002.
  • Zukunftsmodell Familie – 9 Thesen. Entschließung der 13. Württembergischen Evangelischen Landessynode vom 8. Juli 2005.

 

Familienpolitische Ziele der Diakonie Württemberg

Familienpolitik ist eine gesellschaftspolitische Querschnittsaufgabe, die viele Politikfelder berührt und eine enge Abstimmung zwischen diesen erfordert. Leitprinzip der Familienpolitik muss aus Sicht der Diakonie Gerechtigkeit sein, ausgehend von einem Recht auf eine gesicherte Existenz und Teilhabe. Die Diakonie Württemberg hat auf diesem Hintergrund Ziele entwickelt, die sie an die Landes- und Kommunalpolitik und an sich selbst richtet.

  

1. Wirtschaftliche Sicherheit von Familien

Ziele im Blick auf Landes- und Kommunalpolitik

  • Einführung einer Armuts- und Reichtumsberichterstattung oder eines Sozialbarometers
  • Eintreten für existenzsichernde Einkommen für Familien auf der Basis von gesetzlichen Mindestlöhnen und einer Kindergrundsicherung
  • Finanzierung von öffentlich geförderter Beschäftigung und Ausbau eines sozialen Arbeitsmarktes
  • Familiengerechte Ausrichtung der Wohnraumförderung 
  • Weiterentwicklung des Landeserziehungsgeldes über 12 Monate hinaus und Sicherung eines Unterhaltsvorschusses für Alleinerziehende
  • Kommunale Förderprogramme zur Armutsprävention von Familien und Beschäftigungsprogramme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf
  • Lernmittelfreiheit und kostenloses Mittagessen

Interne Ziele der Diakonie Württemberg

  • Beratung und Begleitung von Familien in prekären Lebenslagen und Unterstützung in ihren Rechtsansprüchen  
  • Weiterentwicklung von Modellen einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie
  • Vermeidung von Befristungen in Arbeitsverhältnissen im Rahmen der Möglichkeiten
  • Bezahlung aller Mitarbeitenden nach kirchlich-diakonischen Tarifen und Sicherstellung einer angemessenen Refinanzierung

  

2. Bildung

Ziele im Blick auf Landes- und Kommunalpolitik

  • Auflegen eines Landesprogramms zur Förderung von Familienzentren: 
  • Regelfinanzierung von Familienzentren
  • Förderung der Vernetzung von Trägern und Anbietern
  • Ermöglichung einer Vielfalt von Konzepten und Trägerstrukturen
  • Flächendeckendes Konzept für frühe Hilfen mit Verknüpfung zu Jugendhilfe, Familienbildung und Gesundheitssystem
  • Gesamtkonzept der Familienbildung auf der Basis des Aus- und Umbaus des Programms „Stärke“
  • Ressortübergreifende Zusammenarbeit der Ministerien (insbesondere Sozial- Kultus-, Integrationsministerium) und Einrichtung interministerieller Arbeitsgruppen
  • Erhalt wohnortnaher Schulen, Verankerung von Gemeinschaftsschulen im Schulgesetz und Förderung von schulartübergreifenden Kooperationen
  • Landesprogramm zum flächendeckenden Ausbau assistierter Ausbildung
  •  Familienpolitik als integraler Bestandteil von kommunalen Planungsprozessen,
    z. B. Sozial-, Jugendhilfe-, Verkehrs- und Städteplanung 
  • Ausbau der frühkindlichen inklusiven Bildung und Förderung
  • Schaffung von lokalen Familienzentren und Familien unterstützenden  Netzwerken
  • Ausbau der Schulsozialarbeit
  • Weiterentwicklung und Beibehaltung der Sprachförderung 
  • Anerkennung im Ausland erworbener Bildungsabschlüsse

Interne Ziele der Diakonie Württemberg

  • Ausbau von (betriebsnahen) Kindertageseinrichtungen 
  • Weiterer Ausbau von Tageseinrichtungen für Kinder zu Familienzentren und von vernetzten Angeboten für Familien
  • Interkulturelle Orientierung der Einrichtungen und Dienste
  • Verankerung von Inklusion als durchgehende Handlungsperspektive 
  • Modellschulen mit neuen Lern- und Unterrichtsformen
  • Entwicklung von Kooperationsmodellen Jugendhilfe-Schule: Betreuung, Erziehung, Bildung und Freizeit
  • Gewinnung von Männern für soziale Berufe
  • Einrichtung eines Stipendienfonds im Sozial- und Gesundheitsbereich für begabte, benachteiligte Jugendliche 

 

3. Infrastruktur für Familien

Ziele im Blick auf Landes- und Kommunalpolitik

  • Ausbau von Netzwerken und Infrastruktur im Blick auf Entlastung, Förderung, Beratung und Hilfen für Familien, insbesondere in schwierigen und belastenden Lebenssituationen
  • Ausbau und Vernetzung der Pflegeinfrastruktur
  • Unterstützung der häuslichen Versorgung und Pflege durch Bildungsangebote 
  • Umsetzung von Inklusion in Dienststellen, Schulen und Einrichtungen
  • Ausbau wohnortnaher inklusiver Ganztagesangebote für Kinder
  • Förderung familienorientierter  Konzepte in Verwaltungen und Unternehmen
  • Aufbau einer Pflegeinfrastruktur und Weiterentwicklung von Konzepten „Elder Care“

Interne Ziele der Diakonie Württemberg

  • Ausbau von (betriebsnahen) inklusiven Kindertageseinrichtungen und flexiblen Betreuungsangeboten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie zur Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit
  • Familienorientierte Personalpolitik
  • Unterstützung beim Ausbau von entlastenden Angeboten für Familien mit behinderten Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen
  • Umsetzung Pflegezeitgesetz
  • Umsetzung des Verbandsratsbeschlusses zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Führungspositionen und Aufsichtsgremien. 

(1) Familien wirksam fördern, S. 3
(2)Arm im Kinderland?, S. 6 
(3)Zukunftsmodell Familie, These 7
(4) Familien in Baden-Württemberg, S. 3
(5) Zukunftsmodell Familie, These 9
(6) 7. Familienbericht der Bundesregierung "Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogenen Familienpolitik", 2005
(7) Kundgebung: „Niemand darf verloren gehen!“ Evangelisches Plädoyer für mehr Bildungsgerechtigkeit der 11. Synode der EKD vom 10.11.2010
(8)Ebd.

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