50 Jahre Diakonie und Griechen
Stuttgart, 25. Februar 2010. Als vor 50 Jahren aufgrund des Deutsch-Griechischen Anwerbeabkommens die ersten griechischen „Gastarbeiter“ auch nach Württemberg kamen, erkannte die Diakonie sehr schnell, dass man sich um die Bedürfnisse und Nöte die angeworbenen Arbeitskräfte kümmern musste.
Viele der Angekommenen fühlten sich ohne Sprachkenntnisse und weit entfernt von ihren Familien isoliert, überfordert und einsam, betonte Oberkirchenrat Dieter Kaufman, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg, beim Pressegespräch. Die angeworbenen Menschen wollten in einem überschaubaren Zeitraum möglichst viel Geld verdienen und dann nach Griechenland zurückkehren, berichtete Despina Melliou, die 1964 aus Kreta nach Stuttgart kam und als eine von 16 Kollegen in zu Spitzenzeiten rund 50 Beratungsstellen der Diakonie als Sozialarbeiterin vor allem griechische Frauen betreute. „Ich arbeitete in einer Brotfabrik, oft zwölf Stunden am Stück“, erinnert sich Christos Psarras, der 1962 aus Thessaloniki nach Stuttgart kam. Sie wohnten in Wohnheimen und einfachen Unterkünften, Ehepaare wurden getrennt, Kontakte zur einheimischen Bevölkerung gab es kaum, integrierende Angebote für die Ankömmlinge bestanden so gut wie nicht. Ohne Deutsch zu sprechen, konnten die Menschen ihre Rechte kaum durchsetzen. Selbst der Gang zum Arzt oder Brötchen zu holen war für manche unmöglich. „Viele der Frauen hatten psychische Probleme und mussten teilweise in der Psychiatrie behandelt werden“, berichtet Despina Melliou. „Ihre Kinder wuchsen oft bei der Oma in Griechenland auf und die Frauen mussten funktionieren.“
Bereits 1960 hatte das Diakonische Werk in Abstimmung mit der griechisch-orthodoxen Kirche die Sozialberatung der Griechen übernommen. Mit Filmabenden, Vorträgen und Theaterbesuchen ermutigte der diakonische Verein für internationale Jugendarbeit in Stuttgart die Menschen, sich auf das Leben in der neuen Heimat aktiv einzulassen. Die mobilen muttersprachlichen Berater unterstützten bei Problemen wie Sprachschwierigkeiten, Wohnungssorgen, familiären Belastungen und Heimweh. Mit Säuglingspflegekursen bereiteten die Sozialarbeiterinnen die oftmals allein lebenden Frauen auf die Geburt ihrer Kinder vor.
Hanne Braun, früher auch als Sozialarbeiterin beim Verein für internationale Jugendarbeit tätig, erinnert sich an Busse und Züge voller Frauen und Männer, die in den 1960er Jahren aus Griechenland regelmäßig am Stuttgarter Hauptbahnhof anrollten. Die Diakonie war mit ihrer Bahnhofsmission für viele der erste Ansprechpartner. Wenn der so genannte „Hellas-Express“, der Pendelzug aus Griechenland, neue Gastarbeiter nach Deutschland fuhr, machte sich das Heimweh besonders bemerkbar: „Dann war der Bahnhof voll von Menschen, die niemand abholen mussten, sondern einfach nur ihre Heimatsprache hören wollten. `Jetzt kommt Luft aus Griechenland´, haben die Menschen sich zugerufen“, sagt Hanne Braun, deren Mutter Ruth als damalige Leiterin des Vereins für internationale Jugendarbeit die ersten muttersprachlichen Beraterinnen holte.
Wie für viele ihrer Landsleute kam es für Christos Psarras und Despina Melliou anders als geplant – die geplante Rückkehr nach Griechenland wurde immer wieder verschoben und jetzt bleibt man, „wegen der Kinder und Enkel und auch wegen der bessern Versorgung bei Krankheit und weil uns Deutschland zum Zuhause geworden ist“ Dies bringt neue Herausforderungen für die sozialen Dienste. „Die Erfahrungen der vergangenen 50 Jahre in der Diakonie haben uns heute an den Punkt kommen lassen, an dem Interkulturelle Orientierung im Mittelpunkt steht“, sagte Oberkirchenrat Dieter Kaufmann. Das Bleiben vieler Menschen mit Migrationsgeschichte sei ein Querschnittsthema für die gesamte Gesellschaft und ein Thema für alle Handlungsfelder der Diakonie. Zugangsmöglichkeiten müssten optimiert und alle Dienste für die Einwanderungsgesellschaft zu qualifizieren. „Es geht nicht um die Integration der ‚anderen‘ in eine homogene Gesellschaft, sondern um die Förderung von Teilhabe in der vielfältiger gewordenen Gesellschaft.“ Der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg hält es im Blick auf Menschen mit Migrationsgeschichte für unabdingbar, dass das Recht auf gleiche Bildungschancen, der gleichberechtigte Zugang zu Ausbildung und die Förderung von Zweisprachigkeit durchgesetzt werden.
Der 50. Jahrestag des deutsch-griechischen Anwerbeabkommens in diesem Jahr fällt zusammen mit dem Europäischen Jahr der Kirchen zu Migration. Hanne Braun betont, wie wichtig das Engagement der Evangelischen Kirche und ihrer Diakonie ist: „Der Staat hat die Mittel für die Arbeit mit Migranten drastisch gekürzt. Ohne die Kirchen gäbe es in unserem Bereich nichts mehr, die Diakonie hat die Dienste für Migrantinnen und Migranten erhalten.“



