Schuldhaftes Tun führt zur Selbstverpflichtung für die Gegenwart
Diakonie in Württemberg gedenkt des Beginns der Euthanasiemorde vor 70 Jahren
Stuttgart, 15. Oktober 2009. Unter dem Motto „Wohin bringt ihr uns?" hat die Diakonie in Württemberg mit einer Gedenkfeier an den Beginn der Euthanasiemorde vor 70 Jahren erinnert. „In Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen Regimes können wir nur innehalten und deutlich machen, wie wichtig es ist, Ehrfurcht vor dem Leben zu haben" sagte Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg. Für Landesbischof Frank Otfried July hat die Kirche in Deutschland deshalb eine besondere Verpflichtung, auf den Lebensschutz am Beginn und am Ende des Lebens zu achten. „Leben darf nicht instrumentalisiert werden", sagte July vor zahlreichen Gästen aus Diakonie, Kirche und Politik.
Am 14. Oktober 1939 wurde die diakonische Behinderteneinrichtung Samariterstift Grafeneck von den nationalsozialistischen Machthabern beschlagnahmt und in eine Tötungsanstalt umgewandelt. Dies war der Beginn der systematischen Ermordung von Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung. 10.654 Frauen, Männer und Kinder von Behinderteneinrichtungen in Württemberg wurden nach Grafeneck transportiert und dort ermordet. Symbol des Schrecklichen sind die Grauen Busse, mit denen die Opfer aus Einrichtungen in Südwestdeutschland deportiert wurden. Viele Deportierte fragten erschreckt: „Wohin bringt ihr uns?"
„Durch Selbstgenügsamkeit und stummes Wegschauen bei staatlichem Machtmissbrauch ist die Diakonie schuldig geworden. Diese bittere Erfahrung von Schuldverstrickung war und ist für die Diakonie immer wieder Ansporn, einen Neubeginn zu wagen und sich bewusst auch politisch für Ausgegrenzte und Hilfebedürftige einsetzen", zitierte Oberkirchenrat Dieter Kaufmann aus dem Verbandsleitbild der württembergischen Diakonie. Trotz manch offenen und verdeckten Widerstehens von Mitarbeitenden diakonischer Einrichtungen habe nicht verhindert werden können, dass zahlreiche Frauen, Männer und Kinder aus Württemberg abtransportiert und ermordet wurden. Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, wies darauf hin, dass diese schlimmen Ereignisse Teil der Diakonie-Geschichte, aber auch der baden-württembergischen Geschichte sind.
Aus der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist eine Erklärung der württembergischen Diakonie entstanden, die sie auch als Selbstverpflichtung versteht. Die Erklärung wurde zusammen mit den acht diakonischen Einrichtungen formuliert, die von den Deportationen betroffen waren. Darin verpflichtet sich die Diakonie, „entschieden für gleiche Lebensmöglichkeiten von Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung in unserer Gesellschaft" einzutreten. Joachim Walter, Künstler aus Hechingen, hat die Erklärung in ein zweiteiliges Kunstwerk übersetzt. Eines der Bilder hat er mit Ruß gemalt, in das andere Erde aus Grafeneck integriert.
Die 76-jährige Anna Wolf hat als Kind erlebt, wie ihre Mitbewohner in Mariaberg von den „Grauen Bussen" abgeholt und nach Grafeneck transportiert wurden. Sie denkt mit Schrecken an diese schlimme Zeit: „Wir hatten immer Angst, es geht mir heute noch nach." Auch Gerhard Stumpp, der seit 1939 in Mariaberg wohnt, hat das furchtbare Ereignis nicht vergessen: „Wissen Sie, da hat man gesagt, das ist unnützes Leben und fertig war’s".
Seit Beginn der 90er Jahre haben die diakonischen Einrichtungen, aus denen Menschen deportiert wurden, Gedenkorte eingerichtet. Sie pflegen diese – als Erinnerung und Mahnung. Diese Gedenkorte sind nun in einer Broschüre zusammengestellt worden.
Erklärung der Diakonie in Württemberg anlässlich des Beginns der Euthanasiemorde vor 70 Jahren
