Die positive Entwicklung des Arbeitsmarkts kommt nicht bei allen an


  • die Zahl der Hartz-IV-Empfänger steigt, die Dauer der Langzeitarbeitslosigkeit verharrt auf hohem Niveau
  • 118.200 mehr Beschäftigte aber nur 12.524 weniger Arbeitslose als vor einem Jahr
  • 60.203 Personen haben ihre Arbeitslosigkeit beendet, aber nur 19.308 Personen konnten in eine Erwerbstätigkeit übergehen
  • 336.216 erwerbsfähige Leistungsberechtigte im SGB II, 16.294 mehr als vor einem Jahr

Stuttgart, 01. September 2017. Die Zahl der Arbeitslosen ist im August 2017 um 12.257 Personen und damit um 5,8 Prozent gestiegen. Gegenüber dem Vorjahresmonat ist sie um 12.524 Personen niedriger ausgefallen, dieser Rückgang ist jedoch gegenüber der Gesamtzahl von 221.925 Arbeitslosen in Baden-Württemberg sehr gering.

Auf dem Hintergrund, dass es insgesamt 118.200 Beschäftigte mehr als vor einem Jahr gibt (insgesamt 4.569.400), stellt man fest, dass sich die positive Entwicklung des Arbeitsmarkts nicht im Abbau der Arbeitslosigkeit niederschlägt. Die Arbeitslosenquote sinkt mehr wegen der gestiegenen Beschäftigtenzahl als wegen der gesunkenen Arbeitslosenzahl. Die Arbeitsmarktentwicklung lässt die Arbeitslosen zurück. Die aktuellen Zahlen des Statistischen Landesamtes    zeigen, dass die Beschäftigtenzahl schneller wächst als das Arbeitsvolumen. Es arbeiten also mehr Menschen – oft ungewollt - in Teilzeitarbeitsverhältnissen. Hinzu kommt, dass die Zahl der Arbeitssuchenden gegenüber dem Vormonat erneut gestiegen ist (1.801) und sich gegenüber dem Vorjahresmonat (6.565) deutlich erhöht hat. Aktuell sind 414.502 Menschen als arbeitssuchend gemeldet. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt bleibt unverändert groß

Die Zahl der Unterbeschäftigten – derer, die krank oder in Maßnahmen, aber eigentlich auch arbeitslos sind, fällt mit 254.319 deutlich höher aus als die der registrierten Arbeitslosen. Auch diese Zahl ist gegenüber dem Vormonat gestiegen und gegenüber dem Vorjahresmonat deutlich geringer gefallen als die Arbeitslosenzahl.

Der Bericht der Arbeitsagentur weist aus, dass im August zwar 60.203 Personen ihre Arbeitslosigkeit beendeten, aber nur 19.308 Personen aus der Arbeitslosigkeit in eine Erwerbstätigkeit übergehen konnten. Nur 18,26 Prozent derjenigen, die aus dem SGB II, also dem Bezug von Hartz-IV-Leistungen, heraus ihre Arbeitslosigkeit beendeten, konnten eine Erwerbstätigkeit beginnen. Von den SGB-III-Empfängern, die aus der (Kurzzeit-)Arbeitslosigkeit abgingen, waren das immerhin 43,35 Prozent. 

Der Bestand an offenen Stellen beträgt 118.719, 2.857 mehr als im Vormonat, aber dennoch kommen auf jede gemeldete offene Stelle immer noch rechnerisch 2 Arbeitslose.

Die Zahl der Beschäftigung schaffenden Maßnahmen ist gegenüber dem Vormonat um 55 Plätze gesunken und gegenüber dem Vorjahresmonat lediglich um 547 auf jetzt 4.700 Plätze gestiegen. Diese Zahl ist gegenüber einer Gesamtzahl von 62.388 Langzeitarbeitslosen mehr als ungenügend und die Ausrichtung der Arbeitsmarktmaßnahmen auf Qualifizierung anstelle von öffentlich geförderter Beschäftigung ist angesichts der Struktur der Arbeitslosigkeit eine falsche Schwerpunktsetzung.

Die Zahl der Menschen, die von Hartz-IV-Leistungen leben – die Arbeitslosen im Rechtskreis SGB II und ihre Angehörigen – ist im Jahresverlauf deutlich um 29.086 auf 472.463 Menschen gestiegen. Allein die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten beträgt 336.216 und damit 16.294 mehr als vor einem Jahr. Diese Entwicklung ist deutlich negativer als die der reinen Arbeitslosenzahlen und hat sich weiter beschleunigt.

Scheinbar gelingt es den Menschen selbst bei Aufnahme einer Arbeit nicht, sich aus der Hilfebedürftigkeit zu befreien. Dieser Trend nimmt zu. Das Phänomen steigender Armut trotz Arbeit weitet sich aus und stellt ein ernsthaftes Alarmsignal dar. Auch der soeben erschienene neue Armutsbericht der Bundesregierung weist eine ständige Zunahme der „Working Poor“ aus, das sind die Menschen, die trotz Arbeit arm bleiben.

Die Verfestigung der Langzeitarbeitslosigkeit zeigt sich unverändert an der durchschnittlichen Dauer der Arbeitslosigkeit für Langzeitarbeitslose, die im SGB-II-Bereich bei 575 Tagen liegt und damit minimal gesunken ist, 17 Tage weniger als im Vormonat aber immer noch 13 Tage mehr gegenüber dem Vorjahresmonat. Es gibt zwar weniger Arbeitslose im Rechtskreis des SGB II, aber die bleiben dafür weiterhin länger arbeitslos.

Die Verfestigung der Langzeitarbeitslosigkeit bleibt bestehen, ja nimmt entgegen anderslautender Meldungen zu. Demgegenüber beträgt die Dauer der Arbeitslosigkeit im SGB III, der Kurzzeitarbeitslosen, nur durchschnittlich 157 Tage und ist gegenüber dem Vormonat um 9, gegenüber dem Vorjahresmonat um 5 Tage gesunken. Konkret heißt das: Erwerbsfähige SGB II-Bezieher sind über 3 ½ mal so lang in der Arbeitslosigkeit wie Leistungsbezieher im SGB III Bezug.

Die Verbände der AG ARBEIT fordern seit langem, die positive wirtschaftliche Entwicklung zu nutzen, um Langzeitarbeitslosen durch eine qualifizierte öffentlich geförderte Beschäftigung die Teilhabe an Arbeit zu ermöglichen und eine Brücke in den ersten Arbeitsmarkt zu schaffen. Stattdessen wird inzwischen für die Verwaltung der Arbeitslosigkeit doppelt so viel ausgegeben wie für Unterstützungs- und Eingliederungsmaßnahmen.

Dabei werden nach einem Bericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (KB 4/2016) nur noch 14 Prozent aller Stellenbesetzungen über die Agenturen für Arbeit abgewickelt. Was Agenturen und Jobcenter in der Regel als ihr Kerngeschäft reklamieren, findet im Grunde weitestgehend ohne sie statt.

Es wundert nicht, dass auch der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit Detlev Scheele vor dem Hintergrund der langjährigen Entwicklungen nach mehr Eingliederungsmitteln verlangt (Stuttgarter Zeitung, 31.07.2017).

Sieht man sich die Auswertungen der Budgets der Jobcenter (Zuweisungen 2016) an, die die Agentur für Arbeit auf Bundesebene für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zur Verfügung gestellt hat, standen den Jobcentern 3,85 Milliarden Euro zur Verfügung. Diese müssen dann allerdings auch zweckentsprechend ausgegeben werden, um Wirkung zu erzielen.

Denn für diesen Zweck ausgegeben wurden lediglich knapp 3,13 Milliarden Euro – die Ausschöpfung stagnierte auf einem historischen Tiefstand.

Diese Tendenz ist auch in Baden –Württemberg auf Ebene der regionalen Jobcenter feststellbar und für langzeitarbeitslose Menschen das falsche Signal.

 

Weitere Hinweise unter:
http://www.initiative-pro-arbeit.de/   
http://www.o-ton-arbeitsmarkt.de/   


Das Diakonische Werk Württemberg
Das Diakonische Werk Württemberg mit Sitz in Stuttgart ist ein selbstständiges Werk und der soziale Dienst der Evangelischen Landeskirche und der Freikirchen. Auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes unterstützt der Wohlfahrtsverband im Auftrag des Staates hilfebedürftige Menschen. Das griechische Wort „Diakonia“ bedeutet „Dienst“. Die Diakonie in Württemberg ist ein Dachverband für 1.200 Einrichtungen mit 40.000 hauptamtlichen und 35.000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie begleiten Kinder, Jugendliche und Familien, Menschen mit Behinderungen, alte und pflegebedürftige Menschen, Arbeitslose, Wohnungslose, Überschuldete und andere Arme, Suchtkranke, Migranten und Flüchtlinge sowie Mädchen und Frauen in Not. Täglich erreicht die württembergische Diakonie über 200.000 Menschen. Das Diakonische Werk Württemberg ist ebenfalls Landesstelle der Internationalen Diakonie, Brot für die Welt, Diakonie Katastrophenhilfe und Hoffnung für Osteuropa.

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