Teilhabegutscheine für Arbeit, Bildung und Kultur

Evangelische Landeskirche und Diakonie in Württemberg setzen eine Million Euro ein


In ihrer auf drei Jahre angelegten Aktion „Kirche trotzt Armut und Ausgrenzung“ setzen die Evangelische Landeskirche und die Diakonie in Württemberg knapp eine Million Euro ein. Mit Teilhabegutscheinen können Menschen ohne Chance auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt eine Beschäftigung finden und Einzelpersonen sowie Familien an sozialen, kulturellen oder sportlichen Angeboten teilnehmen, die sie sich anders nicht leisten können. „Wir wollen dem trotzen, dass Arm und Reich sich weiter polarisieren und einem Teil der Bevölkerung Teilhabe vorenthalten wird“, sagt Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg.

Stuttgart, 19. September 2017. Mit dieser Aktion setzen Kirche und Diakonie ein Zeichen. Kirchengemeinden werden ermutigt und unterstützt, Teilhabe zu ermöglichen. Politisch Verantwortliche werden aufgefordert, Teilhabemöglichkeiten zu schaffen, um Armut und Ausgrenzung zu bekämpfen. „Wir wollen deutlich machen, wie dringend notwendig solche Hilfen zur Teilhabe sind und wir fordern die Verantwortlichen in der Politik auf, der Sozialpolitik einen größeren Stellenwert einzuräumen und die Mittel für solche Hilfen bedarfsgerecht aufzustocken. Wenn wir als Kirche und Diakonie Armut und Ausgrenzung zum Gesprächthema machen, dann ist unsere Motivation, dass wir das biblische Zeugnis von der Nächstenliebe leben und anschaulich machen wollen“, so Kaufmann.

Von 2013 bis 2016 haben Beschäftigungsgutscheine 500 Menschen Teilhabe durch Arbeit ermöglicht. Dies wird nun fortgesetzt, ergänzt durch Teilhabegutscheine für die Bereiche Freizeit, Kultur und Bildung. „Teilhabe hat neben der Arbeit auch die Ebenen der sozialen, der politischen und der kulturellen Teilhabe.“

Hannes Finkbeiner, Vorsitzender des Evangelischen Fachverbands für Arbeitslosenhilfe im Diakonischen Werk Württemberg und Vorstand der Aufbaugilde Heilbronn, hat gute Erfahrungen mit den Beschäftigungsgutscheinen gemacht. Im vergangenen Jahr haben 71 Menschen bei der Aufbaugilde davon profitiert. „Für langzeitarbeitslose Menschen sind eine geordnete Tagesstruktur und das Treffen mit anderen Menschen besonders wichtig“, so Finkbeiner. Viele der Langzeitarbeitslosen brauchten die Ein-Euro-Jobs oder die von Kirchen initiierten Programme auch, um ihre Miete bezahlen zu können. „Die Mietobergrenzen in den Kommunen sind, was Gerichtsurteile immer wieder bestätigen, in der Regel viel zu niedrig berechnet. Das führt in der Praxis dazu, dass Langzeitarbeitslose mit dem Betrag, der eigentlich für Lebensmittel berechnet wurde, einen Teil der Nebenkosten und Mieten bestreiten müssen.“ Durch das Programm seien auch  Kirchengemeinden auf die Problematik der Langzeitarbeitslosen aufmerksam geworden. „Es gab Gottesdienste und Informationsveranstaltungen dazu und es konnte beispielsweise eine Mesner-Stelle neu eingerichtet werden und eine als Gartenhelfer.“

„Wenn wir der Armut trotzen wollen, senden wir auch ein politisches Signal“, sagt Kaufmann. Der neueste Bericht der Bundesregierung über Armut und Reichtum in Deutschland belege: „Das Auseinanderdriften von Arm und Reich in Deutschland nimmt zu. Seit 20 Jahren ist es nicht gelungen, diese Entwicklung zu stoppen. Wenn wir als Kirche und Diakonie mit den Teilhabegutscheinen der Armut und Ausgrenzung trotzen wollen, bringen wir zum Ausdruck, dass wir diese soziale Entwicklung nicht hinnehmen wollen. Wir stellen uns an die Seite der Armen, wir setzen uns für sie ein, und wir fordern auch ihr Recht auf einen starken Sozialstaat ein.“ Kaufmann sieht den gesellschaftliche Zusammenhalt und die Grundlage des demokratischen Gemeinwesens in Gefahr. „Davor warnen wir und dagegen treten wir mit unserem Programm der Teilhabegutscheine an.“

Judith Giesel, Leiterin der Beratungsstelle Kompass, Kreisdiakoniestelle Stuttgart-Mitte, macht die Erfahrung, dass „mit einer wirtschaftlichen Armut auch eine Beziehungsarmut verbunden ist“. .Menschen, deren wirtschaftliche und persönliche Ressourcen eingeschränkt und deren Existenzsicherung hauptsächlich durch Soziale Leistungen bestimmt sind, schilderten, dass ihre Möglichkeiten zur Teilhabe eingeschränkt sind. „Sie fühlen sich abgehängt und allein gelassen.“ Das betreffe Menschen, die im Sozialhilfebezuig aufgewachsen sind, aber auch die, die durch Tod des Ehepartners, Krankheit , Kündigung oder Scheidung plötzlich in einer Situation sind, mit der sie noch keinen Umgang gelernt haben. „Für diese Menschen ist es oftmals noch schwieriger an Sozialen Leistungen zu partizipieren, da sie sich im System nicht auskennen und sich damit auch nicht identifizieren wollen.“ Künftig können Beratungsstellen der Diakonie für diese Menschen Teilhabegutscheine beantragen. „Diese Problematik in Kirchengemeinden zu thematisieren und aus der Tabu-Zone zu holen, ist neben der ganz konkreten Unterstützung ein positiver Effekt“, so Judith Giesel.

 

Weitere Informationen

www.diakonie-wuerttemberg.de/teilhabegutscheine   

 

Das Diakonische Werk Württemberg
Das Diakonische Werk Württemberg mit Sitz in Stuttgart ist ein selbstständiges Werk und der soziale Dienst der Evangelischen Landeskirche und der Freikirchen. Auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes unterstützt der Wohlfahrtsverband im Auftrag des Staates hilfebedürftige Menschen. Das griechische Wort „Diakonia“ bedeutet „Dienst“. Die Diakonie in Württemberg ist ein Dachverband für 1.200 Einrichtungen mit 40.000 hauptamtlichen und 35.000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie begleiten Kinder, Jugendliche und Familien, Menschen mit Behinderungen, alte und pflegebedürftige Menschen, Arbeitslose, Wohnungslose, Überschuldete und andere Arme, Suchtkranke, Migranten und Flüchtlinge sowie Mädchen und Frauen in Not. Täglich erreicht die württembergische Diakonie über 200.000 Menschen. Das Diakonische Werk Württemberg ist ebenfalls Landesstelle der Internationalen Diakonie, Brot für die Welt, Diakonie Katastrophenhilfe und Hoffnung für Osteuropa.

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