Lidija Ralle (links) und Chariklia Tournaidou
 

Ikonen und Schafskäse

Zu Besuch im Wohnbereich für orthodoxe Christen im Pflegezentrum Bethanien in Stuttgart


Chariklia Tournaidou sitzt auf ihrem Bett und erzählt. Auf einem Sims an der Wand stehen einige Ikonen und zwei Engel aus Porzellan. Ein Schwarz-Weiß-Foto eines alten Mannes in ehrwürdigen Gewändern blickt auf die Besucher herab. „Das ist mein Großvater. Er hat mich aufgezogen, nachdem meine Eltern gestorben sind“, berichtet sie. 

Chariklia Tournaidou hat einiges erlebt. Geboren wurde sie 1918 in der Türkei. Im Osmanischen Reich lebten damals noch viele Griechen. Später heiratete sie dann und ging zu ihrem Mann nach Griechenland. Anfang der fünfziger Jahre folgte der Umzug nach Deutschland. Nur mit ihren Kindern. Ihr Mann blieb in Griechenland zurück. „Seit gut 60 Jahren lebe ich nun hier“, sagt die Seniorin. In einem Land, das ihr trotz allem etwas fremd geblieben ist. In einem Land, in dem ihre Konfession nur sehr gering vertreten ist. Chariklia Tournaidou ist griechisch-orthodoxen Glaubens.

Wie in vielen Migrantengruppen ist es auch bei Griechen immer noch sehr unüblich, dass ältere Familienmitglieder in ein Pflegeheim gehen. Eher werden sie möglichst lange in der Familie gepflegt. Zunehmend aber können die eigenen Kinder und Enkel die Älteren nicht mehr versorgen, sei es, weil sie selbst im Beruf eingespannt sind, sei es, weil Erkrankungen wie Demenz die Pflege in der Familie unmöglich machen.

Aus diesen Gründen gibt es im Pflegezentrum Bethanien in Stuttgart-Möhringen ein einzigartiges Projekt: Zusammen mit fünf orthodoxen Gemeinden Stuttgarts – der griechischen, russischen, bulgarischen, rumänischen und serbischen Gemeinde – hat das Pflegezentrum den ersten Wohnbereich für orthodoxe Christen in einem Pflegeheim in Württemberg eingerichtet. Die Abteilung liegt auf einem Stockwerk mit „normalen“ Pflegezimmern. „Die Idee zu diesem Wohnbereich ging von den Gemeinden aus“, berichtet Andreas Siebert vom Sozialdienst des Pflegeheims. Noch ist die Resonanz nicht so groß. Derzeit leben vier orthodoxe Bewohner im Bethanien. „Das Projekt läuft jetzt seit drei Jahren. Uns war klar, dass es eine lange Anlaufphase geben wird“, erzählt Andreas Siebert, „aber alle, die beteiligt sind, sind von der Sache sehr überzeugt.“ Auch die Pfarrer der Gemeinden, aus denen noch keine Mitglieder im Wohnbereich lebten, beteiligten sich an den regelmäßigen Treffen mit der Heimleitung und den vielen kulturellen Veranstaltungen für die orthodoxen Gemeinden. Beispielsweise Ausstellungen über Ikonen und Ikonenmalerei, Konzerte mit Chören der Kirchengemeinden und vor allem regelmäßige Gottesdienste nach orthodoxem Ritus, welche die verschiedenen Gemeinden zusammen feiern. 

Die eigene Religion zu pflegen wird im Alter immer wichtiger: „Viele Griechen und Russen haben eine starke Bindung an ihre Kirche“, sagt Andreas Siebert. In der Fürsorge für die Bewohner ziehen die Kirchengemeinden an einem Strang und unterstützen sich gegenseitig: „Wenn zum Beispiel ein griechischer Bewohner des Wohnbereichs im Sterben liegt und der griechisch-orthodoxe Pfarrer kann nicht kommen, dann können wir den serbischen Pfarrer anrufen. Es ist eine sehr, sehr gute Zusammenarbeit“, berichtet Lidija Ralle, Leiterin des orthodoxen Wohnbereichs. Die gebürtige Mazedonierin ist schon weit länger im Pflegezentrum Bethanien, als es den Wohnbereich gibt: seit 1993. „Ich gehöre hier schon zum Inventar“, sagt sie lachend. Die Idee zu eigens eingerichteten Räumen für orthodoxe Christen fand Lidija Ralle von Anfang an „ganz toll, weil die Gemeinden so vieler unterschiedlicher Länder beteiligt sind“. Auf ihrem Stock gibt es einige ausländische Mitarbeitende, die sich mit den Bewohnern in deren Muttersprache unterhalten können. Mitarbeitende, die die Sprache der Bewohner sprechen und die besondere Gestaltung der Räume, beispielsweise durch orthodoxe Ikonen – dies sind auch die Punkte, die für Andreas Siebert den zentralen Unterschied des Wohnbereichs für orthodoxe Christen zu anderen Teilen des Pflegezentrums ausmachen. Zudem trage auch die hauseigene Küche Sorge für die Bedürfnisse der Bewohner mit Migrationshintergrund: „Wir haben die Möglichkeit, uns auf verschiedene kulturelle Essgewohnheiten einzustellen“, erzählt der Leiter des Sozialdienstes. 

Für die nicht-orthodoxen Bewohner auf dem Stockwerk war so manche kulturelle Eigenart allerdings erst einmal etwas befremdlich: „Wenn Frau Tournaidou morgens ihren Schafskäse oder ihre Oliven auspackt, macht das andere Heimbewohner schon etwas stutzig. Aber dann essen sie irgendwann doch ihr Gsälzbrot weiter“, schildert Lidija Ralle solch eine interkulturelle Begegnung.

Chariklia Tournaidou ist mit 94 Jahren die älteste Bewohnerin des Wohnbereichs. Den Medienrummel um das Projekt ist sie inzwischen schon gewohnt. „Die Presse war schon zweimal da und das Fernsehen auch. Frau Tournaidou ist unsere Berühmtheit“, so Lidija Ralle. Routiniert lässt die Seniorin sich fotografieren. Seit zwei Jahren wird die 94-Jährige nun im Bethanien versorgt. Im Pflegeheim gefällt es ihr: „Ich mache viel Handarbeit und Gymnastik. Und meine Tochter, mein Schwiegersohn und ihre Kinder besuchen mich oft.“ Auch viele Bekannte schauen vorbei. Und manchmal, so verrät Lidija Ralle, lädt die Seniorin die Mitarbeiter auf dem Stockwerk zu selbstgekochtem Mokkakaffee ein. 

Chariklia Tournaidou fühlt sich wohl in ihrem mit Ikonen und griechischen Fotos eingerichtetem Zimmer. Heimweh nach Griechenland hat die Seniorin kaum: „Deutschland ist gut. Hier kann meine Familie besser nach mir sehen.“ Mindestens 100 Jahre alt möchte sie werden. Aber wenn es dann eines Tages so weit ist, weiß Chariklia Tournaidou schon, wo sie beerdigt werden möchte: in der heimischen Erde Griechenlands.

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


 
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