Ältere Damen und eine Mitarbeiterin des Hauses am Stadtgarten backen Puddingschnecken
 

Alle "stecken unter einer Decke"

Zu Gast Hausgemeinschaften im Pfullinger Haus am Stadtgarten

Eine große, bunte, warme Decke aus Wolle soll es werden. Else Löffelhardt und sechs ihrer Mitbewohnerinnen der Gruppe „Ursulaberg“ im Pfullinger Pflegeheim Haus am Stadtgarten stricken eifrig. Auch eine Praktikantin des Hauses hat sich zu ihnen gesellt. Die alten Damen haben ihr diese Kunst gelehrt. Bald wollen sie die Decke fertig haben. Ein Überwurf für das Sofa im Wohnraum.

Diese gestrickte Decke steht für Gemeinschaft. Wie in einer großen Familie wohnen die Bewohner der drei Hausgemeinschaften zusammen. In den Gruppen „Ursulaberg“ und „Schönberg“ leben je zehn Senioren, in der geschützten Gruppe „Georgenberg“ sind es zwölf, fast alle mit Demenz. Gemeinsam wird gekocht und gegessen. Während in der Gruppe „Ursulaberg“ gestrickt wird, ist die Gruppe „Georgenberg“ gerade am Backen. Puddingschnecken soll es geben. Der Geruch von frischem Teig zieht durch Küche und Wohnraum. Gerade schneidet eine so genannte Alltagsbegleiterin den Teig auseinander. Alltagsbegleiterinnen gibt es einige im Haus am Stadtgarten. Sie sind angestellt, um die Bewohner zu begleiten und die Tage mit ihnen zu gestalten. 

Die wollene Decke steht für Behaglichkeit. Es hat den Anschein, dass es sich im Haus am Stadtgarten der Samariterstiftung gut leben lässt. Das 2007 erbaute Heim steht mitten im Herzen von Pfullingen, einer schwäbischen Kleinstadt mit etwa 19.000 Einwohnern. Schon durch seine Architektur hebt es sich von anderen Pflegeheimen ab: Lichtdurchflutete, großzügig gebaute Gemeinschaftsräume, warme Farben und grüne Innenhofgärten schaffen eine angenehme Atmosphäre. Neben den drei Hausgemeinschaften ist im Erdgeschoss der „Bürgertreff“ von Pfullingen angesiedelt, wo Ehrenamtliche mehrmals in der Woche Veranstaltungen für Bewohner anbieten. In den oberen Stockwerken befinden sich 30 betreute Wohnungen. Das Heim liegt in unmittelbarer Nähe zur Martinskirche und zur Innenstadt. Ein Standortvorteil für „unsere Bewohner. Die haben es nicht weit zu den Ärzten und können auch viele ihrer Besorgungen in der Nähe erledigen“, sagt Friedlinde Möck, die Leiterin des Hauses. Ein Konzept, das offenbar ankommt: über 20 Leute stehen derzeit auf der Warteliste für Plätze im Haus am Stadtgarten.

Die warme Decke steht für Geborgenheit. Im Haus am Stadtgarten können die Mitarbeitenden dank der kleinen Gruppen mehr auf die Bedürfnisse der Bewohner eingehen als anderswo. „Man kennt sich im Haus, keiner ist im Hintergrund, alle sind präsent“, erzählt Friedlinde Möck. Noémie Embser arbeitet seit einem halben Jahr im Haus und findet das Arbeitsklima „voll gut“. Wenn sie ihren Hund mitbringe freuten sich die alten Menschen besonders, erzählt die FSJlerin. Altenpfleger Martin Korneck, einer von drei männlichen Mitarbeitern, sieht den Vorteil der Hausgemeinschaften in den kleinen Gruppen und den vielen gemeinsamen Unternehmungen: „Jeder ist hier im Leben der Hausgemeinschaft integriert.“

Die  bunte Decke in rot, gelb, blau grün und zahlreichen anderen Farben steht für Vielfalt. Die begeisterte Strickerin Else Löffelhardt beispielsweise genießt es, „morgens immer am gleichen Tisch mit den gleichen Leuten zu sitzen“. Die 81-Jährige vertreibt sich die Zeit gerne mit Singen und Spielen. Ihrer Mitbewohnerin Rita Busato gefällt es vor allem im Garten: „Blumen waren schon immer mein A und O.“ Äußerst wichtig ist der 67-Jährigen ihr eigener PC mit Drucker und Internetanschluss. Den jährlichen Sommerurlaub auf Gran Canaria lässt sie sich nicht nehmen. Und gerne steht Rita Busato morgens mal etwas später auf. Alles kein Problem im Heimalltag: „Alle dürfen ins Bett und wieder aufstehen, wann sie möchten“, sagt Friedlinde Möck. Wenn jemandem der Trubel in der Hausgemeinschaft zu viel wird, kann er sich problemlos in sein Zimmer zurückziehen. „Wir haben hier ausschließlich Einzelzimmer“, berichtet Friedlinde Möck, „es ist uns sehr wichtig, dass unsere Bewohner einen Privatbereich haben.“ Selbstverständlich finden Menschen Platz im Haus, gleich in welche Pflegestufe sie eingestuft sind: „Auch wer nur passiv teilnehmen kann, profitiert vom Leben in der Hausgemeinschaft“, sagt Heimleiterin Möck.

Die  gemeinsam genutzte Decke steht für Zusammenhalt. Viele der Bewohner nehmen an den Aktivitäten teil, die Mitarbeitende und Bürgertreff anbieten. Am Vormittag können die Bewohner hauswirtschaftlichen Tätigkeiten nachgehen, singen oder basteln. Manchmal kommen auch Schülergruppen oder Kindergartenkinder zu Besuch. Nachmittags stehen, je nach Wochentag, Bingo, Sturzprophylaxe, Kegeln oder Sitztanz auf dem Plan. Regelmäßig finden Gottesdienste statt, oft kommen  Musikgruppen, wie ein Posaunenchor oder ein Gesangsverein, ins Haus. Höhepunkt des Heimlebens sind die gemeinsamen Feste, bei denen die Mitarbeitenden ein buntes Programm gestalten: „Vor zwei Jahren haben wir die Bewohner zum Beispiel mit in den Orient genommen“, erzählt Marie-Luise Sontheimer, die stellvertretende Heimleiterin und Organisatorin der Feste, und deutet auf ein Bild, auf dem eine Pflegerin in einem langen Kaftan eine Geschichte vorliest. Auch die lokalen Bräuche pflegen sie im Haus am Stadtgarten. So werden im Heim Anfang des Jahres die in der Gegend traditionellen „Mutscheln“ gebacken, sternförmige Hefeteigkränze, um die Mitarbeitende und Bewohner dann in Würfelspielen streiten.

„Unter einer Decke stecken“, das klingt in Pfullingen überhaupt nicht negativ. Offenbar geht im Haus am Stadtgarten vieles gemeinsam – nicht nur das Stricken.

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