Eine Pflegerin spielt mit einer alten Frau
 

Ohne Begeisterung geht es nicht

Jeden Dienstag und Freitag ist im Richard-Bürger-Heim Gymnastik angesagt. Die fünf anwesenden Bewohnerinnen – die sich selbst die „Golden Girls“ nennen und darauf auch hohen Wert legen– sind eifrig bei der Sache. Ein Wasserball wird herum geworfen und gekickt, die Füße weit nach oben gestreckt. Bei einer Übung mit Gymnastikbändern geht eine Bewohnerin sogar so energisch vor, dass sie eines zerreißt. „Oh, Sie sind aber kräftig heute“, sagt Sandra Zeitler fröhlich lächelnd zu der Seniorin. 

Sandra Zeitler ist seit fünf Jahren im Richard-Bürger-Heim in Stuttgart-Feuerbach angestellt. In dem Heim werden 44 überwiegend demenziell Erkrankte gepflegt. Eine Arbeit, die oft schwierig ist. Wie ist es, als junger Mensch hier zu arbeiten? „Menschen mit soviel ehrlichen Emotionen zu begegnen ist wunderbar!“ Sandra Zeitler hat in Magdeburg Musiktherapie studiert. Ihr zweites Praxisjahr hat sie dann in Feuerbach absolviert und ist seitdem dort geblieben. Musik ist für sie ein essenzieller Bestandteil des Lebens im Pflegeheim: „Das gemeinsame Singen weckt bei den Bewohnern Erinnerungen. Es schafft Ordnung in einer verwirrenden Welt und eine Atmosphäre, in der es möglich ist, sich wohlzufühlen.“ Über Musik sei es möglich, mit anderen Menschen Gemeinschaft zu erleben, auch wenn diese nicht dieselbe Sprache sprächen. Und tatsächlich – die Bewohner warten oft darauf, dass Sandra Zeitler mit ihrer Gitarre vorbeikommt und sie mit ihr zusammen ein Liedchen singen können. Der Musiktherapeutin merkt man ihre Begeisterung dabei deutlich an.

Begeisterung ist denn auch die Eigenschaft, die Eva Trede-Kretzschmar, die Leiterin des Richard-Bürger-Heims, für die wichtigste im Pflegebereich hält: „Man muss sich für sein eigenes Tun begeistern.“ Eva Trede-Kretzschmar weiß, wovon sie redet. Seit 36 Jahren ist sie nun in der Altenpflege tätig: „Alle meine Kolleginnen von damals machen inzwischen irgendetwas anderes.“ Die Qualität der Pflege habe sich seit ihrem Einstieg damals deutlich verbessert. Leider seien dafür die Ressourcen knapper geworden und die Anzahl an „Richtlinien mit zweifelhaftem Sinn“ im Pflegebereich gestiegen.

Seit 1997 leitet Eva Trede-Kretzschmar die Geschicke des Richard-Bürger-Heims im Stuttgarter Norden. Neben der guten Betreuung der Bewohner geht es ihr auch darum, dass ihre Mitarbeiter sich wohlfühlen. Die Entwicklung junger Menschen sei für sie immer zentral gewesen. Daher werden im Heim gerade acht Auszubildende beschäftigt. Ihnen müsse  das Wissen der älteren Pflegegeneration mitgegeben werden. Gleichzeitig dürften junge Leute aber auch nicht zu sehr bevormundet werden: „Junge Menschen nehmen nicht alles hin – und das ist auch gut so, da muss man sich manchmal etwas zurücknehmen.“ Im Heim der gebürtigen Stuttgarterin herrscht dabei ein offenes Klima: „Offene Kommunikation“ sei immens wichtig, mitunter „bis zum Exzess“. Ein Mitarbeiter der eine Auszeit brauche, sollte das auch offen sagen. Dann werde gemeinsam nach einer Lösung gesucht.

Wie sollten junge Pflegekräfte ihrer Meinung nach ausgebildet werden? „Wir müssen dafür sorgen, dass Kolleginnen und Kollegen super qualifiziert sind und dass sie schon früh Verantwortung übernehmen.“ Auch Fehler seien da schon mal erlaubt, ja sogar gewünscht: „Aus Fehlern lernt man mehr, als wenn immer alles glatt läuft.“ Wenn den Nachwuchskräften aber die Möglichkeit genommen werde, sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren, weil ständig neue Richtlinien und bürokratischer Aufwand die Zeit raubten, dann hätte Eva Trede-Kretzschmar für ihr eigenes Alter einen anderen Wunsch: „Dann will ich in 30 Jahren lieber von einem Pflegeroboter gepflegt werden.“

 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
 
 
 
 

 
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