Wo die bunten Männle wachsen

Bunt bemalte Bretter, Holzklötzchen in großer Zahl, Brettchen, die ehemals zu Obstkisten gehörten, Farbtöpfchen. Es hat etwas von einem schöpferischen Durcheinander, was sich da bei „Diesel28“ findet. Es ist kein neuer Treibstoff, auch nicht der alte, wohlbekannte, der sich hinter diesem Namen verbirgt. Es ist eine ziemlich bunte, kreative Werkstätte inmitten des Industriegebiets in Stuttgart-Feuerbach. Der Straßenname und die Hausnummer gaben der Werkstätte den Namen. Dort arbeiten 18 Frauen und Männer mit geistigen, körperlichen oder psychischen Behinderungen oder Einschränkungen. 

Es geht heiter zu an diesem Vormittag. Der, den wir hier Albrecht nennen, beugt über zusammengeleimte Holzklötzchen.  Mit einem Brandmalgerät, einem Lötkolben nicht unähnlich setzt Albrecht Punkt neben Punkt auf Holzklötzchen. „Da muss ich sehr genau sein“, erklärt er ohne seine Arbeit zu unterbrechen.  Was er da macht findet er „ziemlich cool“. Was am Ende entsteht ist noch nicht ganz klar, vielleicht ein Männle. „Es ist ein kreativer Prozess, an dem wir alle beteiligt sind“, sagt Jürgen Krist. Der Arbeitserzieher leitet das „Kreativ-Atelier Feuerbach“, ein Zweig des Behindertenzentrum Stuttgart (Bhz). 

„Wir arbeiten hier ernsthaft, wenngleich wirtschaftlich gesehen  wenig erfolgreich“, sagt Krist. Was bei Diesel28 entsteht ist keine Therapie. Auch verstehen sich weder Anleiter noch Beschäftigte als Künstler. „Es ist Arbeit wie in jeder anderen Abteilung der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen“. Worin sich Diesel28 aber grundsätzlich unterscheidet ist das Ergebnis der Arbeit: Am Ende gibt es keine abgepackten Ersatzteile, keine Maschinen- oder Autoteile,  keine Briefsendungen und keine Elektrogeräte, wie in den anderen Abteilungen des Bhz. Am Ende stehen „Männle“. Bunt und schräg, dick und dünn, rot und grün und gelb und blau stehen sie herum. Tausende gibt es. Nicht nur in kreativen Atelier. Zwei Boutiquen, eine in Ludwigsburg und eine in Konstanz, zeigen die Männle in ihren Geschäften – und verkaufen sie. Vom Vorstand des Bhz werden sie gelegentlich verschenkt. Und jetzt sollen sie womöglich noch in die Fußball-Bundesliga aufsteigen. Aber das wissen die Männle und ihre Produzentinnen und Produzenten noch nicht. 

Männle wachsen aus nichts anderem als aus Abfall. Gerade neben dem Raum des Kreativ-Ateliers fallen beim Tafelladen leere Obstkisten in Hülle und Fülle an.  Außer den Metallklammern wird jedes Stück Holz verwertet. Die dreieckigen Verstärkungen an den Ecken werden bei Diesel28 so miteinander verleimt, dass Vierkanthölzer  entstehen. In die richtige Länge gesägt werden Klötzchen unterschiedlicher Größe aufeinander geleimt und bunt bemalt. Die Frau, die wir hier Ilse nennen, streicht an. Als Schwäbin bruddelt sie ein bisschen. Der erste Anstrich ist ihr nicht gut genug. Fehlstellen sind zu erkennen. „Jetzt streich‘ i alles nach“, weil, wie sie entschuldigend anfügt, ihre Vorgängerin „halt ganz schlechte Augen hat“. 

Die einen sägen, die anderen schleifen, wieder ein anderer arbeitet mit Leim und alle malen an. So wachsen die bunten Männle als Gemeinschaftsarbeit.  Nur Walter hält sich zurück. Der stattliche Mann, der durch seine stark verlangsamten Bewegungen und Reaktionen  auffällt, weiß, dass er etwas Besonderes kann. Auf der Werkbank vor ihm hängt eine Holzraspel. In eine Tasche eingewickelt liegen Schnitzmesser, Feilen, Sandpapier. Wenn es wieder Nachschub beim Naturmaterial gibt, will er wieder Köpfe erschaffen. Wurzeln, Äste und Zeige sind Walters Lieblingsmaterial. Unter seinen Händen entstehen Madonnen, Büsten, gelegentlich auch Elefanten. „Das tut gut“, sagt er mit deutlich osteuropäischem Akzent. 

Jürgen Krist erläutert: Einige unserer Beschäftigten haben in ausgelagerten Arbeitsplätzen in großen Industrieunternehmen in der Region gearbeitet. Aber sie haben dem Druck nicht standgehalten. Es ist die andere Seite der Inklusion, meint Krist: Eingliederung in normale Arbeitsplätze ist die eine, dem ausdrücklichen Wunsch nach Einbindung in einen aus dem normalen Arbeitsleben ausgegliederten Bereich,  ist dann die andere. 

Derzeit arbeiten die Beschäftigten im Kreativ Atelier Feuerbach an 36 großformatigen Bilderahmen. Sie sollen im nächsten Jahr in einer Ausstellung verwendet werden. Kleinere Rahmen gibt es schon zuhauf – und sie sind auch wegen ihrer teils wilden Bemalung auf Kunstmärkten gefragt. 

Im Diesel28 entstehen wild bemalte Hocker, schicke Stehlampenhalter.  Ein ausgemusterter Strandkorb regt die Gedanken an.  Was einmal daraus wird, weiß noch niemand. Krist ist sich sicher: „es wird uns etwas einfallen“. Genug Obstkisten mit ihren breiten und schmalen Brettchen sind da. Und dann sind da  ja auch noch die Männle. Von denen kann es gar nicht genug geben.

Ernst Wahl

 

           

Behindertenzentrum Stuttgart

Diesel28 ist das Kreativ Atelier Feuerbach des Behindertenzentrum Stuttgart (BhZ). Es befindet sich in der Dieselstraße in Stuttgart und ist Teil des Werkhauses Feuerbach des Behindertenzentrums Stuttgart. Der Hauptsitz des Bhz ist in der Heigelinstraße in Stuttgart-Fasanenhof.

www.bhz.de    

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