Birkenzweige statt Pfingstrosen in der Kirche an Pfingsten

Pfingstsonntag. Im Garten des Gemeindehauses feiert die evangelische Kirchengemeinde Reutlingen-Ohmenhausen unter der Leitung von Pfarrer Heiko Zürn ihren Pfingstgottesdienst im Freien. Auf dem Altar stehen Pfingstrosen. Die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel. Knapp 60 Leute sitzen mit abgemessenem Abstand im Garten verteilt, teilweise im Schatten der großen Birken, die symbolisch den heutigen Gast, Pfingsten und die weltweite Kirche verbinden.

Neugierige Blicke sind auf den Gesichtern der Gottesdienstteilnehmenden zu erkennen, als Pfr. Zürn Frau Kristi Sääsk, Pfarrerin in der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK) und zur Zeit DIMÖE-Mitarbeiterin, vorstellt. Wer ihr zuhört versteht schnell, daß ihr Herz für ihre Kirche daheim in Estland schlägt, aber auch für die weltweite Kirche. Ihr Anliegen ist klar: Auch wenn wir als Christen in unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen sind, gilt es miteinander Kirche zu gestalten.

Auf die Frage welche Gebräuche es zu Pfingsten in ihrer Heimat gäbe, erzählt Pfarrerin Sääsk von duftenden Birkenzweigen, die an Pfingsten in der Kirche aufgestellt werden. Wer die Geschichte des Landes kennt, weiß das die Birke der häufigste Laubbaum in den estnischen Wäldern ist, ein viel besungenes Motiv in Liedern und Volksdichtung und ein nationales Symbol des Landes. Der Brauch frische Birkenzweige in der Kirche an Pfingsten aufzustellen ist weniger bekannt. Als sie das erzählt wandern die Blicke von vielen der Anwesenden zwischen den Pfingstrosen auf dem Altar und den großen Birken im Garten. Warum Birkenzweige? will Pfarrer Zürn wissen. Die Antwort kommt prompt von Pfarrerin Sääsk: Weil sie überall in Estland wachsen und zu dieser Jahreszeit so herrlich riechen.

Sie erzählt von ihrer Kindheit in Estland in der Zeit des Kommunismus und gibt Einblicke in das Leben als Christen zu der Zeit. Eindrücklich ist ihre Erzählung von einem Gottesdienst am Heiligabend mit ihrer Großmutter, als sie 10 Jahre alt war. Offiziell gab es damals Religionsfreiheit, aber jedem war klar: Ein Kirchenbesuch war nicht im Sinne der autoritären Machthaber. Ihre Großmutter ging zu den großen, kirchlichen Festen, vor allem an Weihnachten, Ostern, Pfingsten und am Johannistag in die Kirche. Das war ihr wichtig, auch wenn sie sonst nicht sehr aktiv war in der Kirche. An diesem 24. Dezember lag viel Schnee, die Straßen waren wie so oft sehr glatt. Um ihrer Großmutter den Gottesdienstbesuch zu ermöglichen, ging die junge Kristi Sääk mit ihr zum Gottesdienst. Als sie am nächsten Morgen, dem 25. Dezember, der ein regelmäßiger Schultag war, zur Schule kam, wurde sie gleich am Eingang abgepasst und zum Rektor geschickt. Dieser wollte ganz genau wissen, was sie in der Kirche zu suchen gehabt hätte, denn wer in die Kirche ging wurde ganz genau beobachtet, Kinder aus Pfarrfamilien durften nicht an den Universitäten studieren und oft war es für die Pfarrfrau nur möglich einem Beruf nachzugehen: Als Organistin in der Kirche.

In ihrer Erzählung gab Frau Sääsk auch Einblicke in die heutige Situation von Kirche und Christentum in Estland, von der Gleichgültigkeit vieler Menschen gegenüber der Religion der Vorfahren, die mit dem Satz „Sie haben vergessen, was sie vergessen haben“ beschrieben werden könnte. In den Schulen gibt es keinen Religionsunterricht und den Unterricht für die Gläubigen (eine Mischung von Konfirmandenunterricht und Religionsunterricht) gibt es meist erst ab 18 Jahren. Dieser könnte auch als Taufvorbereitung gesehen werden oder Unterricht, der auf die Vollmitgliedschaft in der Kirche vorbereitet. Für viele sei die Motivation eine kirchliche Trauung die eine Mitgliedschaft in der Kirche voraussetzt. Weil die Mitgliedschaft  nicht an den Wohnort gebunden ist, hat sich in Estland ein sehr buntes Bild der Kirchenmitgliedschaft entwickelt. Die Herausforderung wird noch deutlicher, wenn man erfährt, dass es hier auch keine Kirchensteuer gibt, sondern die Kirche sich von freiwilligen Gemeindebeiträgen finanzieren muss, wird. So erzählt Pfarrerin Sääsk, daß es sein kann, daß in einer Gemeinde mit 1.000 Mitgliedern nur 170 davon den Gemeindebeitrag zahlen.

Wer Pfarrerin Kristi Sääsk genauer kennenlernen will, kann sie gerne zu online- und offline Veranstaltungen einladen. Weitere Informationen dazu gibt es auf der Webseite von DIMÖE.

Estland hat 1.315.000 Einwohner. Die Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK) hat 151.450 Kirchenmitglieder, davon sind 26.358 zahlende Mitglieder. In 12 Propsteien sind 169 Gemeinden zusammengefasst, die von 196 Pfarrerinnen und Pfarrern betreut werden. Das Diasporabistum der EELK besteht aus sieben Propsteien (Schweden, Deutschland, Großbritannien, Kanada, USA (2), Australien) mit 41 Gemeinden und 15 weiteren Predigtorten (z.B. Brüssel) weltweit. In Estland gibt es eine deutschsprachige Gemeinde an zwei Orten (Tallinn und Tartu, Kontakt: www.kirche.ee). Die EELK gehört seit 1961 zum Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), seit 1963 zum Lutherischen Weltbund (LWB), 1975 schloss sie sich der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) an. Sie gehört außerdem zur Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und zur Porvoo-Gemeinschaft. (Quelle: Referat Mittel-, Ost- und Südosteuropa der EKD)



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