Kirchliche Flüchtlingsarbeit: Online Begegnung mit NAOMI in Griechenland

KATI steht für Kreativ-Austausch-Transfer-Impulse in der Kirchlich-diakonischen Flüchtlingsarbeit der Evang. Landeskirche in Württemberg. Regelmäßig treffen sich die Kolleginnen und Kollegen zum "Online-Austausch". Am 10. September steht die erste europäische Videokonferenz bei multipliKATIon mit den Kolleginnen der Partnerorganisation Ökumenischen Werkstatt NAOMI in Thessaloniki vor der Tür. Gäste sind: Dorothee Vakalis und Kolleginnen aus dem NAOMI Team. Das Thema: Menschenrechtsverletzungen und prekäre Lebenssituationen Geflüchteter in Griechenland und die Arbeit der Ökumenischen Werkstatt NAOMI in Thessaloniki. Moderiert wird das Treffen von Matthias Rose, Referent Kirchlich-diakonische Flüchtlingsarbeit. Zur Vorbereitung des Treffens hat das NAOMI-Team einen Bericht verfaßt.

Bericht aus der Ökumenischen Werkstatt NAOMI in Thessaloniki August 2020

Die Umstände und die politischen Bedingungen haben NAOMI wieder herausgefordert zu vermehrter humanitärer Hilfe für Geflüchtete. Gleichzeitig werden die Angebote für Integration und Teilhabe am sozialen Leben verstärkt.  

Zur Situation:  Alle Betroffenen (Asylbewerber und anerkannte Flüchtlinge)  wurden von der neuen Regierung (seit 2019) aus dem staatlichen Gesundheitssystem entlassen und erhalten nur noch Notfallbehandlungen, keine Medikamente und keine Therapien.

Alle anerkannten Flüchtlinge, zur Zeit insgesamt über 11.000 Personen in GR, wurden  und werden weiterhin aus dem EU Programm ESTIA  entlassen, ohne dass ein Übergang in das Helios Programm organisiert und garantiert  wurde, stattdessen aber mit vielen Hürden sogar verhindert wird. So müssen die BewerberInnen für Helios eine Steuernummer und ein Bankkonto vorweisen können. Diese bekommen sie aber nur, wenn sie einen Mietvertrag haben. Einen Mietvertrag jedoch bekommen sie ohne Steuernummer nicht. Nur etwa 2.000 Menschen von den 11.000 haben es laut Berichten von Pro Asyl bisher „irgendwie“  (wohl meist mit privaten Hilfen) geschafft, bei Helios aufgenommen zu werden.

Das ESTIA Programm wurde von der Regierung neu aufgestellt, die Mittel pro Person wurden gekürzt und es wurden  erfahrene Träger aus dem Programm  entlassen, so auch Perichorisi in Katerini (Griechisch Evangelische Kirche)  und Solidarity now, unsere Partner, die sich jetzt ganz neu orientieren  müssen. Und die Unsicherheit bei den Organisationen und ihren Mitarbeitenden als auch bei den Betroffenen ist immens. Kommunen sollen nun die Aufgaben übernehmen.

Bisher haben wir bemängelt, dass es in Griechenland keine Programme und keine Strategie  für Integration und Teilhabe von Geflüchteten am sozialen Leben gibt. Die lange Zeit des Wartens auf die Asylentscheidung wird nicht genutzt für solche Maßnahmen zur Förderung eines selbständigen Lebens.  Jetzt werden auch die Grundbedürfnisse wie Obdach, Nahrung und Medizinische Versorgung  nicht mehr abgedeckt. Ganz zu schweigen davon, dass im neuen Asylgesetz keine Maßnahmen für Vulnerable Menschen vorgesehen sind.

Die Politik der EU der Abschreckung und der Verletzung von Menschenrechten findet in Griechenland und vor allem durch griechischen Regierung  beste Umsetzung! Wir sind sehr besorgt, wie die EU Präsidentschaft Deutschlands sich auf die anstehenden Entscheidungen auswirken wird. Griechenland darf dabei nicht als  Blaupause für die EU Flüchtlingspolitik dienen,  so heißt es in einem Artikel.

NAOMI hat auf diese prekäre Situation sehr schnell mit der Aufstockung der Notfallhilfen reagiert. Sie hat bisher im Jahr 2020 Eigeneinnahmen von 90.000 Euro  (private Spenden, Kollekten vor allem aus dem Rheinland, Programme der Diakonie Katastrophenhilfe 20.000 Euro über das Diakonische Werk Württemberg und unter großem Einsatz von Pétur Thorsteinsson,  und der PCUSA 10.000 Euro) generieren können.  NAOMI  Notfall-Hilfen konzentrieren sich nun  im Wesentlichen auf kurzfristige Unterkünfte bis zur Aufnahme in Programme,

  • Medikamente - Untersuchungen und Brillen – Verbandszeug und Schutzmaterialien 
  • Supermarkt Gutscheine und soziale Hilfen  (alles für vulnerable Gruppen  ohne  Programme).

NAOMI wirbt weiterhin für Spenden für Notfallhilfen, so dass diese  Aufgaben auch bis Ende des Jahres fortgeführt werden können.

Ein neuer humanitärer Schwerpunkt  hat sich dabei gebildet auf  Hilfen für Menschen in Camp Diavata.  Hier leben neben den ca 2000 Asylbewerbern seit einiger Zeit  auch Menschen von den Inseln, die anerkannt sind, aber aus dem Estia Programm entlassen wurden (siehe oben) und heute ohne Schutz sind. Bis jetzt sind es ungefähr 200 Menschen in Diavata. Einige waren schon auf dem  Victora Platz in Athen.  Sie wurden von unserem Partner  QRT mit Zelten, Planen und Windeln und Babynahrung versorgt und von NAOMI mit Nahrungsmitteln und Medikamenten. Ärzte von Medical Volunteers International sind zusammen mit QRT in der medizinischen Betreuung engagiert, die Medikamente kommen von NAOMI. Wir sind mit dem ASB in Kontakt, um die Situation im Camp zu verbessern. Der  ASB ist für die Versorgung der Asylbewerber zuständig. 

Während NAOMI  den Schwerpunkt Integration und Arbeitsplatzsuche verstärkte, holt uns nun die eklatante Not wieder zurück zur Emergency Aid. Vieles erinnert an die Zeit von 2015/16 und Idomeni… Dank der großzügigen Spenden und Kollekten und Programme kann NAOMI wieder einmal schnell und unbürokratisch entscheidende Hilfen leisten.

Wir sind aber  im Team  ebenso sehr engagiert, trotz vieler Beschwerlichkeiten und der Restriktionen aufgrund von Covid 19, die Angebote im Bereich Ausbildung/ Bildung und im Bereich Produktion/Arbeitsplatzsicherung zu verstärken.

Gabriella Sampsonidou, die neue, sehr kompetente und erfahrene  Koordinatorin des Social Department  ist dabei,  ein um die Textil Akademie herum  angelegtes breiteres und holistisches Angebot an Ausbildung und Ermächtigung   und Teilhabe am sozialen Leben zu entwickeln. Dabei hat sie einen neuen Schwerpunkt auf Mädchen und Frauen im Camp Diavata,  professionelle Näher  aus dem Camp Vagiochori und minderjährige Jugendliche bei  ARSIS gelegt. Es ist ihr gelungen,  in Kooperation mit der NGO Sxedia neue Finanz-Mittel für diese Angebote zu finden. Weiter ist sie darum bemüht, dass Kompetenzen von Klienten zertifiziert werden, um deren Einstieg ins Berufsleben zu fördern.

In der Produktion konnte Zoi Keskinidou mit einem 5er Team 4800 Masken herstellen, ein Teil davon wurde von PCUSA finanziert und an Flüchtlinge verschenkt. Andere wurden verkauft. Mehr als 1000 liegen noch im Lager.

Ein tolles anderes Projekt war die Produktion von 380 Taschen aus dem Segel eines Kirchenschiffes der Nordkirche. Die Nordkirche übernimmt den Vertrieb in ihrem Webshop. https://www.nordkirche.de/nachrichten/nachrichten-detail/nachricht/segel-von-nordkirchenschiff-zu-taschen-verarbeitet/

Seit Juni sind 2 Kurden (Asylbewerber mit Familie) als ständige Teilzeit-Näher in der Werkstatt angestellt, die die laufende Produktion stemmen. Je nach Aufträgen werden neue Näherinnen angestellt werden. Zwei neue und sehr schöne Projekte werden gerade im Team der Produktion  entwickelt:

Wir werden auch Ihnen bald Einzelheiten zu den beiden Projekten mitteilen und auch um Ihre Werbung in Kirchen-Gemeinden für beide  bitten.

Wir haben  unserem externen Webmaster Daniel Corominas den Auftrag  gegeben, einen Webshop NAOMI einzurichten. Dieser soll Ende des Monats August online gehen. Über den Webshop werden die NAOMI Produkte übersichtlich präsentiert. Damit sollen der Einzelverkauf  und auch Sammelbestellungen und Aktionen mit NAOMI angeregt werden.  Es läuft ein Antrag an die NGO  Help Refugees Greece zur Finanzierung der Einrichtung des Webshops sowie für die Erstellung von Branding Guidelines für NAOMI. Mit Ulrich Gensch wurde ein Projekt GO TO MARKET entwickelt, das die Strategie für die Produktions- Entwicklung  weiter ausführt.

Wir sind uns im Klaren, dass die Corona Restriktionen allgemein den Verkauf von NAOMI Produkten erschweren. So fehlen die jährlich engagierten und betuchten  10 Reisegruppen, aber auch die etwa 15 jährlichen Bazare,  Märkte und Festivals in Deutschland und Griechenland. Diese zusammen  machten 2019 ca. 60% der Einkünfte der Textilproduktion aus.  Und es ist absehbar, dass sich diese Situation so schnell nicht verbessern wird.

Deshalb arbeiten wir sowohl an dem Webshop für den Einzelverkauf und gleichzeitig suchen wir  verstärkt nach größeren Sammel-Bestellungen  in Kooperation mit Partnern wie der Nordkirche mit den Taschen und  der MVI mit den Winter-Hosen.

Das große Ziel ist es, Einnahmen und Arbeitsplätze für Flüchtlinge sichern zu können und NAOMI zukunftsfähig zu machen.

Wir stehen immer für Fragen und besonders  auch für Vorschläge und Anregungen zur Verfügung und freuen uns auf das große Online Meeting  mit Ihnen am 10.9.2020.

Kooperationen:

  • Notfallhilfen, Geldspenden, Sachspenden über Frankenkonvoi
  • Patenschaften für Arbeitsplätze bei NAOMI, eine Woche Anstellung
  • Sammelbestellungen von NAOMI Produkten siehe Konfirmandenprojekt oder  und Taschen etc. mit Aufdruck von eigenem Spruch oder Logo
  • Eigene Projekte aus wiederverwendeten Materialien
  • Spenden für Winterhosen für obdachlose Männer, produziert bei NAOMI
  • Advocacy: Menschenrechte für Geflüchtete: Obdach, Nahrung, Medizin und Zugang zu fairen Asylverfahren, keine illegalen Rückführungen
  • Wanderausstellung von Gemälden aus der NAOMI Kunstwerkstatt mit kostengünstigen Kunstdrucken zum Verkauf
  • ZOOM Meeting mit NAOMI Mitarbeitenden und Klienten bei Veranstaltungen

Bleiben Sie alle behütet und beschützt!

Herzlich  Dorothee Vakalis und das NAOMI Team

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