Tablets und Desinfektionsmittel - Einblicke in die Arbeit der Diakonie Polen von Iwona Baraniec

© Iwona Baraniec, Diakonie Polen

Wie lange arbeiten Sie schon bei der Diakonie und wie kamen Sie dazu?
2015 habe ich für 8 Monate als Vertretung  im Diakoniebüro gearbeitet. Hier konnte ich erste Einblicke gewinnen. Dank der Generaldirektorin Wanda Falk hatte ich die Möglichkeit, verschiedene Arbeitsbereiche kennenzulernen, mich mit aktuellen Projekten vertraut zu machen. Ich wusste dann nach drei Jahren als Bildungsreferentin im Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung der Evangelische Landeskirche in Württemberg, dass ich im Diakoniebüro arbeiten möchte. Seit 2018 bin ich wieder in Warschau. Ich habe zuvor Theologie studiert, dann im Neuen Testament promoviert und in einer Schule als Französischlehrerin gearbeitet. Ich bin Theologin, aber keine Pfarrerin.

Welche Tätigkeitsbereiche haben Sie bei der Diakonie?
Die diakonische Arbeit in der Evangelisch-Augsburgischen Kirche wurde im Jahre 1993 wieder aufgenommen. Am 10. Februar 1999 wurde die Diakonie Polen als eine unabhängige karitative Organisation gegründet und erhielt eine Rechtspersönlichkeit. Seit Oktober 2020 bin ich Projektreferentin und arbeite hier in einem Team unter der Leitung von Generaldirektorin Wanda Falk. Diakonie Polen erkennt die Bedürfnisse und reagiert auf soziale Herausforderungen, die sich aus schwierigen Lebenssituationen der Menschen ergeben. Daher ist es notwendig, finanzielle Ressourcen für die Umsetzung bestimmter Projekte zu  erhalten. Wir bereiten Projektanträge vor und führen die Projekte lokal durch mit Internationalen Partnern, also auch die AktionHoffnung für Osteuropa“ im Diakonischen Werk Württemberg. Ich freue mich, immer wieder Neues lernen zu können, sowohl in Bezug auf die gemeinnützige Arbeit insgesamt als auch in Bezug auf die Durchführung und Abrechnung von Projekten. 

Gibt es bestimmte Menschengruppen, auf die Ihre Projekte zielen?
Projekte der Diakonie Polen unterstützen Kinder, Menschen mit Behinderungen, Kranken, Senioren. In Zusammenarbeit mit Diakonie Katastrophenhilfe führt Diakonie Polen auch ein dreijähriges Programm für Menschen in Katastrophensituationen durch. Die Zeit der Epidemie ist für uns alle eine schwierige Zeit, deshalb sind Hilfsprojekte für die von COVID-19 betroffenen Menschen unerlässlich.

Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders gut gefallen hat?
Es gab nicht ein besonderes, sondern mehrere, die ich nennen kann.
Ein Projekt waren Aktivitäten für Kinder und Jugendliche. Dabei arbeitet die Diakonie Polen mit fünf evangelischen Kirchengemeinden in Oberschlesien zusammen, die in Kontakt mit örtlichen Hilfseinrichtungen und Schulen stehen. Das Projekt betrifft Kinder aus sozial schwachen Familien im Zusammenhang mit den negativen Auswirkungen der Arbeitsmigration von Familienmitgliedern. Die Idee, entwickelte sich in der Diakonie Polen schon früher als meine Arbeit begann. Sie resultiert u.a. aus den Erfahrungen der polnischen Präsenz in der Europäischen Union seit 2004 und den damit verbundenen Reisen nach Westeuropa auf der Suche nach Arbeit.

Ein weiteres Projekt betrifft die aktuelle Epidemiesituation. Aufgrund der Verpflichtung zum Fernunterricht hatten einige Kinder keinen Zugang zu elektronischen Geräten. Das Projekt wurde als unmittelbare Antwort auf diese spezifischen Bedürfnisse mit der Unterstützung von HfO und anderer deutscher Diakonieorganisationen umgesetzt. Die Diakonie Polen hat insgesamt 170 Tablets verteilt, alle Geräte sind nun in den Händen der Kinder. Sie freuen sich, dass sie jetzt Zugang zur Schule und dem digitalen Unterricht haben.
 

Damals brauchten auch die Seniorinnen und Senioren Unterstützung. Hier ging es hauptsächlich um einen finanziellen Beitrag. Sie waren in schwierigen Situationen aufgrund von Einsamkeit, bzw. weil Familie wegblieben. Die Kontakte waren und sind begrenzt. Sie haben Probleme Medikamente zu kaufen und sonstige Hilfsmittel zu zahlen. In diesem Kontext ist auch die Hilfe für Ev. Pflegeheime ein wichtiges Projekt. Aufgrund von aufeinanderfolgenden bestätigten COVID-19-Infektionen in mehreren Einrichtungen sowie aufgrund des bestehenden Hygieneregimes besteht jetzt ein Mangel an Schutzmaßnahmen, wie Masken, Schutzanzüge und Desinfektionsmittel. Wir erstellen Projektanträge und finanzielle Berechnungen. Es braucht viel Zeit, aber es ist eine große Freude, die Ergebnisse der Projekte zu sehen.
 

Wie ist die Situation in Polen zwischen Staat und Kirche? Ich kenne mich leider nicht so gut aus. Der Staat bietet wenig Unterstützung für die Ev. Kirchen oder für Kirchen im Allgemeinen?
Es ist die allgemeine Situation. Die Ev. Kirche in Polen ist in einer Diasporasituation. Wir sind 0,2% der Gesellschaft, also ca. 70000 Mitglieder.
Auch der Arbeitsmarkt ist nicht einfach. Theoretisch wächst die Ökonomie, wenn wir nur die Gesamtstatistik betrachten, aber in bestimmten Regionen besteht eine Arbeitslosigkeit von bis zu 15%. In ganz Polen liegt sie heute zwischen 5-6%. Der Kontext Arbeitsmigration macht hier viel aus. Wir brauchen Arbeitskräfte in Polen. Vor allem im Pflegebereich. Es gibt Migranten und Migrantinnen aus der Ukraine, sie haben aber das Problem der Anerkennung ihrer Ausbildungen. Zu diesem Thema habe ich zwei Zahlen mitgebracht: offizielle europäische und nationale Statistiken zeigen, dass auf 1000 Einwohner kommen in Polen 2,3 Ärzte. In Deutschland sind es 4,1. Das sind fast 100% mehr. Ähnlich ist die Situation der Krankenschwestern. Hier kommen 5,2 auf 1000 Einwohner, in Deutschland 13, in der EU 9,5 im Durchschnitt. Das ist also nicht einfach und komplex.

Gibt es Projekte gegen Arbeitsmigration der Diakonie Polen?
2011-2014 hatte die Diakonie Polen ein Pilotprojekt. Es beinhaltete Beratung für Menschen, die schon in Deutschland arbeiten oder nach Deutschland gehen wollen. Es hieß „FairCare“ und wurde zusammen mit Hoffnung für Osteuropa und GAW Frauenarbeit und mit Kontakten nach Verein Internationales Jugendwerk in Stuttgart umgesetzt. Diakonie Polen bot Beratungen für Menschen und ihre Probleme an, gaben Tipps, wohin sie gehen konnten und wo sie kostenlosen anwaltlichen Beistand erhalten können. Bis heute gibt es noch Anrufe von Menschen, die Schwierigkeiten haben und sich Rat bei uns suchen. Dann haben wir Kontakt zu Institutionen in Stuttgart die mit Migrantinnen und Migranten arbeiten.

Haben Sie Wünsche für die Zukunft Ihrer Arbeit? Wünsche an Hoffnung für Osteuropa oder das DWW?
Wir hoffen, dass die Kooperation mit Hoffnung für Osteuropa und mit anderen Partnern in unseren Projekten weitergeht. Ich bin sehr dankbar, dass ich bei meiner Arbeit Menschen kennenlernen kann und wir von den Erfahrungen der anderen lernen können. Ich bin auch froh, dass ich drei Jahre in Deutschland arbeiten konnte. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Leute hier eine wirkliche Hilfe bekommen und die Projekte, die wir machen, die Situation der Leute verändern.

Vielen herzlichen Dank!

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Das Interview führte Lydia Schwörer, Praktikantin in der Abteilung für Migration und Internationale Diakonie im Herbst 2020.

Hier bloggt das Team der Aktion "Hoffnung für Osteuropa" der Diakonie Württemberg. Wir erzählen von unseren Projekten, unserer Arbeit, den Aktivitäten unserer Partnerorganisationen und reflektieren über die unterschiedlichen Herausforderungen in unseren Partnerländern. Wir freuen uns über Ihre Kommentare und regen Austausch. Bei der Kommunikation auf diesem Blog halten wir uns an die Social Media Guidelines der Diakonie Württemberg. Wir bitten Sie diese zu respektieren.

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