• 15.02.2018 „Good Governance – Lust oder Frust?“

„Good Governance – Lust oder Frust?“

Die diesjährige Tagung für haupt- und ehrenamtliche Vorstände und Vorsitzende von Aufsichtsgremien hatte in diesem Jahr das Thema: „Führen in Zukunft – Good Governance mit dem neuen Diakonie-Kodex“.

In seiner Begrüßung der knapp hundert Teilnehmenden benannte Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg, für den Titel „Führen in Zukunft“ zwei Ebenen. Es gehe darum, „wie wir in Zukunft führen“, also wie die Diakonie zukunftsfähig gemacht werden kann. Außerdem, wie Führung und Leitung in Zukunft aussehen kann. Hier solle der Ort sein, an dem die Verantwortlichen in der Diakonie über Zukunftsfragen der Diakonie nachdenken.“

Der Corporate Governance Kodex (CGK), der von der Mitgliederversammlung des Diakonischen Werks Württemberg im Oktober 2017 verabschiedet wurde, ist zentrale Grundlage für das auf Zukunft hin ausgerichtete Handeln in diakonischen Unternehmen. Die Tagung sollte laut Kaufmann alle Verantwortlichen einladen, die unterschiedlichen Gesichtspunkte des CGK zu diskutieren und so einen gemeinsamen Prozess für die Umsetzung auf der Ebene der Träger, Einrichtungen und Dienste zu beginnen. „Jesus Christus ist und bleibt die Zukunft der Kirche“ sagte Kaufmann. Diese Mahnung Bonhoeffers gelte es immer wieder in Erinnerung zu rufen. Er sei überzeugt, dass gemeinsame Schritte zur Anwendung des Corporate Governance Kodex die Zukunftsfähigkeit von Kirche und Diakonie deutlich verbessern.

In seiner Einführung erläuterte Dr. Robert Bachert, Finanzvorstand im Diakonischen Werk Württemberg die neuen Akzente des Corporate Governance Kodexes von 2017. Als wichtige Bausteine seien u.a. neu aufgenommen worden die Einführung eines Compliance Management Systems, die Verortung der Nachhaltigkeit, Transparenzregeln und die Chancengleichheit der Geschlechter.

Die Mitgliederversammlung hat diesen Corporate Governance Kodex als freiwillige Selbstverpflichtung beschlossen. Vorteile einer konsequenten Anwendung dieser Regeln sieht Bachert vor allem in einem optimierten Einsatz betriebswirtschaftlicher Instrumente, der Vermeidung von Insolvenzen und der Stärkung des öffentlichen Vertrauens in die Managementkompetenzen diakonischer Unternehmen. Dies könne Vorteile bei der Spendenakquise  und beim Rating der Banken bedeuten.

Dr. Bernhard Mutschler, Professor an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, entwickelte in seinem Impuls neutestamentliche Perspektiven für Verantwortliche und Leitungsgremien in Kirche und Diakonie. Im Rangstreit unter den Jüngern in Markus 10, 35-45 habe Jesus eine grundsätzliche Position zu Verantwortung und Leitung formuliert: „Wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ (Mk 10, 44) Mit der Umkehrung aller menschlichen Machtverhältnisse sei nicht nur ein Perspektivwechsel verbunden, sondern ein grundsätzlicher Positionswechsel. Nach diesem Wort Jesu ist laut Mutschler Leitungshandeln immer verbunden mit einem „Emporschauen zu anderen“. Christliches Leitungshandeln basiere auf diesem Fundament der Nachfolge Jesu Christi. Verantwortung in einer kirchlichen und diakonischen Leitungsposition sei daran zu orientieren, so Mutschler. Im Horizont der biblischen Exegese sieht Mutschler es als eine genuine Führungsaufgabe in einem diakonischen Unternehmen an, zur Reflexion über Kommunikationsstrukturen und übergeordnete Unternehmensziele anzuleiten.

Der auf Corporate Governance spezialisierte Unternehmensberater Mathias Wendt erläuterte, dass die unternehmensinterne Kommunikation und Unternehmenskultur zentrale Grundlage für gute Corporate Governance im Sinne guter Regeln der Unternehmensführung sind. Als dessen wichtiges Element zielt das Compliance Management auf die Sicherstellung der Einhaltung aller externen Vorgaben, internen Richtlinien sowie freiwillig eingegangener Selbstverpflichtungen. Die Entwicklung einer Compliance-Kultur in einem Unternehmen erfordere ein Lernen der Mitarbeitenden. Im Rahmen eines Compliance Managements seien sie mit interaktiven Arbeitsformaten (Schulungen, Risikoanalyse-Workshops) emotional anzusprechen. Für die Wirksamkeit des Compliance Managements sei es zudem wichtig, dass dieses immer im Zusammenhang und in Wechselwirkung mit weiteren Elementen der Corporate Governance wie Qualitätsmanagement, Risikomanagement, Controlling und Interner Revision betrachtet werde.

In einer Schlussrunde betonte Eva-Maria Armbruster, Vorstand Sozialpolitik im Diakonischen Werk Württemberg, dass nicht alle Punkte auf einmal zu realisieren sind. Entscheidend sei aber, sich auf den Weg zu machen. Die Führungskultur des Good Governance sei keine Checkliste, die man einfach abhaken kann, so Armbruster, sondern eine Kultur, die es gemeinsam zu entwickeln gelte. Als wichtigen Punkt nannte sie das Thema Chancengerechtigkeit in Aufsichtsgremien.

Prof. Dr.-Ing. Corinna Salander, Universität Stuttgart, stellte das Netzwerk FidaR (Frauen in den Aufsichtsräten) vor, das sich auch auf politischer Ebene für mehr Chancengleichheit einsetzt. Sie begrüßte die beiden Initiativen der württembergischen Diakonie einen Pool von Führungsfrauen für die Mitarbeit in Aufsichtsgremien zu etablieren und über einen Gaststatus Nachwuchskräfte für die Aufsichtsarbeit zu gewinnen. Dr. Gisela Meister-Scheufelen, Vorsitzende des Präsidiums des Diakonischen Werks Württemberg, empfahl den  Leitungsgremien, sich ausführlich mit der Frage zu beschäftigen, mit welchen Personen sie künftig Leitungsverantwortung wahrnehmen möchten. Ihre Einschätzung: „In Zukunft brauchen wir mehr Vielfalt.“