28. November 2018

Was wird denn hier gekocht? Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch lässt sich von einem Schüler zeigen, was er vorbereitet.

„Das Land braucht Hauswirtschaft“

Racheed beim Garnierenvon Apfel-Tiramisu.

Als Abschluss ein Sahnehäubchen, garniert mit einem Apfelspalt. Zufrieden blickt Racheed Alebiosou auf sein Apfel-Tiramisu, das er in der Küche der Hedwig-Dohm-Schule angerichtet hat. Er ist einer der 46 Auszubildenden, die Hauswirtschafter bzw. Hauswirtschafterin werden möchten. Ein wenig weiter schaut Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch über die Schulter von Emmanuel Bene aus Kamerun, der gerade Grünkernklößchen auf Rettich zubereitet. Zwei Stunden nimmt sie sich Zeit, die Schule und das Projekt Oikos der Diakonie Württemberg kennenzulernen. „Das Land braucht die Hauswirtschaft! Immer mehr Menschen essen außerhalb, überall muss gekocht, Wäsche gewaschen und organisiert werden.“, sagt Gurr-Hirsch. Sie ist selbst gelernte Hauswirtschafterin und weiß, wovon sie spricht. Das freut die Schülerinnen und Schülern: Sie absolvieren die gleiche Ausbildung wie eine Staatssekretärin.

In Baden-Württemberg besteht ein großer Bedarf an Fachkräften in der Hauswirtschaft, die Ausbildungszahlen sind in den letzten Jahren drastisch gesunken. Auch diakonische Einrichtungen leiden unter dem Fachkräftemangeln, daher hat die Diakonie Württemberg das JOBSTARTER plus-Projekt Oikos ins Leben gerufen. Das Projekt verfolgt das Ziel die Berufsausbildung zum Hauswirtschafter und zur Hauswirtschafterin in Baden-Württemberg durch verschiedene Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen auszubauen und zu stärken. Während der dreijährigen Laufzeit bis Juni 2019 werden die Vernetzung, Strukturentwicklung und ein gezieltes Berufsmarketing verbessert. Das Ziel: möglichst viele junge Menschen sollen eine Ausbildung in der Hauswirtschaft beginnen. Für junge Nachwuchskräfte, Jugendliche mit Unterstützungsbedarf, als auch Menschen mit Flucht- und/oder Migrationshintergrund gibt es insgesamt 60 Ausbildungsplätze. Für Menschen mit Migrationshintergrund gibt es zusätzlich bei Bedarf eine extra Sprachförderung.

Im Deutschunterricht

„Ausdauernd, offen, kontaktfreudig, zielstrebig, zuverlässig, engagiert, flexibel“ steht auf der Tafel im Deutschunterricht. Ein paar Schüler wissen bereits, was die Worte bedeuten, dem Rest werden sie von Lehrerin Filip erklärt. „Und welche Eigenschaft ist die wichtigste für die Hauswirtschaft?“, fragt sie, woraufhin eine Diskussion unter Schülerinnen und Schülern entfacht – eine Lösung wird allerdings auf die Schnelle nicht gefunden. Sprachniveau A2 müssen die Azubis bei Ausbildungsbeginn mitbringen, den Rest lernen sie in der Schule und dem praktischen Teil der Ausbildung. „Hauswirtschaft findet mittlerweile zu 80 Prozent in sozialen Einrichtungen statt, da ist Sprache sehr wichtig“, sagt Ursula Schukraft, die Projektleiterin von Oikos. Sie ist stolz, dass das Projekt in den zweieinhalb Jahren die Ausbildungszahlen bereits um 40 Prozent steigerte. Dass die drei Projektjahre Mitte 2019 schon vorbei sind, bedauert Schukraft hingegen sehr. Rückenwind bekommt sie nun durch die Politikerin: „Ich sehe das Projekt als Möglichkeit, die Hauswirtschaft nach vorne zu bringen. Gerne setze ich mich für eine Verlängerung ein“, so Gurr-Hirsch, bevor sie zu weiteren Terminen aufbricht.