Feuerbacher Tafel kämpft ums Überleben
Seit 28 Jahren verkauft das bhz Stuttgart e.V. in der ersten inklusiven Tafel Deutschlands Lebensmittel zu stark reduzierten Preisen an Menschen, die von Armut betroffen sind.
Aufgrund vielfältiger Herausforderungen ist die Zukunft des Vorzeigeprojekts allerdings ungewiss.
Durchschnittlich 80 Rentner*innen, Studierende, Langzeitarbeitslose, Geflüchtete und Alleinerziehende versorgt der kleine Tafelladen im Industriegebiet täglich mit Lebensmitteln und ist damit zu einer Feuerbacher Institution geworden. Seit Längerem steht das Herzensprojekt allerdings vor schwerwiegenden Problemen, die nun den Fortbestand in der derzeitigen Form in Frage stellen: Die Immobilie in der Hohnerstraße 21 ist dringend sanierungsbedürftig, denn notwendige Standards können kaum erfüllt werden. Auch die Fahrzeuge, die täglich im Einsatz sind, um gespendete Lebensmittel abzuholen, müssen bald ersetzt werden. Menge und Qualität der Lebensmittelspenden nehmen ab und der Umgangston unter den Kundinnen und Kunden, die zum Einkauf berechtigt sind und täglich um das begrenzte Sortiment konkurrieren, ist spürbar rauer geworden. Die konfliktreiche Atmosphäre in den beengten Räumlichkeiten belastet die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit und ohne Behinderung, wie auch Kund*innen und Nachbar*innen zunehmend. Der derzeit gültige Personalschlüssel von einem Mitarbeitenden für zwölf Beschäftigte mit Behinderung, der für die Betreuung der Arbeitsgruppe vor Ort gilt, ist nicht ausreichend. Hohe Kosten für die Entsorgung von Abfällen über einen privaten Dienstleister – pro Woche fallen etwa eine Tonne an – sind ein weiterer Kostenfaktor.
Um eine tragfähige Zukunftsstrategie zu entwickeln, wurden in den letzten Monaten sorgfältig verschiedene Optionen geprüft und intensive Gespräche geführt: Unter anderem mit der Schwäbischen Tafel, ortsansässigen Kirchenvertreter*innen, dem Feuerbacher Bezirksvorsteher, Ämtern der Stadt Stuttgart und städtischen Betrieben. Am 31. August besuchte der Stuttgarter Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper im Rahmen seiner Sommertour den Tafelladen, um sich vor Ort ein persönliches Bild von der Situation zu machen. „Um unseren inklusiven Tafelladen weiterführen zu können, benötigen wir dringend eine geeignete Immobilie, einen passenden Betreuungsschlüssel, dauerhafte finanzielle Unterstützung für die steigenden Fixkosten sowie weitere politische Unterstützung“, erklärt Irene Kolb-Specht, Vorstandsvorsitzende des bhz. Eine zukünftige Immobilie müsste barrierefrei sein, mit mindestens 500 Quadratmetern ausreichend Verkaufs-, Lager und Stellfläche sowie Kühl- und Aufenthaltsmöglichkeiten bieten und sich in räumlicher Nähe zu den Feuerbacher Standorten des bhz in der Magirus- und Sieglestraße befinden. Realistisch betrachtet, wären finanzielle Zuwendungen von mindestens 150.000 Euro jährlich zusätzlich nötig, um den operativen Tafelbetrieb auf lange Sicht aufrecht zu erhalten. Für die Ausstattung eines neuen Standorts und neue Fahrzeuge benötigt das bhz darüber hinaus eine Anschubfinanzierung. „Wir prüfen weiterhin mögliche Optionen, benötigen aber definitiv eine nachhaltige Finanzierung für den inklusiven Tafelladen. Denkbar wäre auch die Übernahme des Tafelbetriebs durch eine andere Initiative. Wir freuen uns auch über konstruktive Vorschläge und Unterstützung aus Politik, Wirtschaft und der Stuttgarter Stadtgesellschaft“, so Kolb-Specht weiter.