„Es darf nicht über uns entschieden werden, ohne uns zu fragen“
Menschen mit Behinderung in der Paulinenpflege wenden sich gegen mögliche Einsparungen in der Eingliederungshilfe
Mehr als 14.000 Menschen haben die Petition „Nicht am Menschen sparen“ bereits unterzeichnet. Damit sich noch viele weitere anschließen, haben die, an denen gespart werden soll, bei einer Veranstaltung in der Paulinenpflege eindrücklich das Wort ergriffen: Menschen mit Behinderung in der diakonischen Einrichtung befürchten, dass mögliche Einsparungen in der Eingliederungshilfe ihre Teilhabe und Selbstständigkeit beeinträchtigen könnten. Bei einem Informationsabend zur Kampagne „Nicht am Menschen sparen - besser gemeinsam Bürokratie abbauen“ warben sie für den Erhalt notwendiger Unterstützungsangebote und forderten mehr Mitsprache bei politischen Entscheidungen.
Vorbereitet wurde die Veranstaltung vom Bewohnerbeirat der Paulinenpflege gemeinsam mit seinen Vertrauenspersonen sowie dem Freizeitbereich Club Paula. Angehörige, Mitarbeitende und Menschen mit Behinderung nutzten die Gelegenheit, sich über die Kampagne zu informieren und ihre Erfahrungen auszutauschen. Die Inhalte wurden auch in Gebärdensprache und Leichter Sprache vermittelt.
„Menschen mit Behinderung sollen mitreden“
Für den Bewohnerbeirat geht es dabei nicht allein um Leistungen und Finanzierung. Im Mittelpunkt steht auch die Forderung, Menschen mit Behinderung bei politischen Entscheidungen stärker einzubeziehen. Als Interessenvertretung der Bewohnerinnen und Bewohner setzt sich der Beirat dafür ein, dass Menschen mit Behinderung bei Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, nicht nur angehört, sondern aktiv einbezogen werden.
„Wer von Entscheidungen betroffen ist, muss auch gehört werden. Menschen mit Behinderung sollen mitreden und gehört werden. Es darf nicht über uns entschieden werden, ohne uns zu fragen. Gemeinsam können wir viel erreichen. Darum wünschen wir uns, dass viele Menschen die Petition unterschreiben“, sagte Daniela Sick, stellvertretende Vorsitzende des Bewohnerbeirats.
Auch Tina Spengler, Vorsitzende des Bewohnerbeirats, warb für die Unterstützung der Petition. „Menschen mit Behinderung brauchen Unterstützung, zum Beispiel durch Betreuer und Mitarbeiter. Wir möchten, dass diese Unterstützung erhalten bleibt. Sie darf nicht weniger werden. Die Politik muss verstehen: Menschen mit Behinderung sind wichtig. Wir sind wichtig. An uns darf nicht gespart werden.“
Unterstützung ermöglicht Teilhabe
Für die Betroffenen geht es dabei nicht um Verwaltungsstrukturen, sondern um die Frage, welche Unterstützung im Alltag künftig noch verfügbar ist.
So lernen im Berufsbildungswerk der Paulinenpflege junge Menschen mit Behinderung nicht nur einen Beruf. Viele benötigen zusätzlich Unterstützung dabei, ihren Alltag zu organisieren, selbstständiger zu werden oder den Übergang ins Arbeitsleben zu bewältigen. Wird diese Begleitung reduziert, kann dies direkte Auswirkungen auf Ausbildungs- und Teilhabechancen haben.
Ähnliches gilt für das Wohnen, die Freizeitgestaltung oder die Mobilität. Unterstützung und Selbstständigkeit sind dabei keine Gegensätze. Oft ist es gerade die passende Assistenz, die es ermöglicht, eigenständig zu leben, soziale Kontakte zu pflegen oder einer Arbeit nachzugehen.
Für Nadine Schenk, Bereichsgeschäftsführerin Leben und Teilhabe der Paulinenpflege, steht dabei die Perspektive der Menschen im Mittelpunkt: „Wir müssen besonders den Menschen zuhören, um die es geht. Denn gute Teilhabe kann nur gelingen, wenn Menschen mit Behinderung mitreden und mitentscheiden können. Sonst bleibt Teilhabe nur Theorie.“
Kampagne fordert Erhalt von Unterstützungsangeboten
Mit der Kampagne „Nicht am Menschen sparen“ setzen sich inzwischen 75 soziale Einrichtungen und Verbände für den Erhalt notwendiger Unterstützungsangebote ein. Gleichzeitig fordern sie weniger Bürokratie und einfachere Verfahren, damit vorhandene Ressourcen stärker den Menschen zugutekommen.
Weitere Informationen zur Petition an die Landespolitik in Baden-Württemberg finden Sie unter www.nichtammenschensparen.de.