Wenn Hoffnung stärker ist als Alkohol
70 Jahre Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe: Gelebte Hilfe vom Wohnzimmer zur Bewegung
Als Karl Votteler vor 70 Jahren die Rehabilitationsklinik für suchtkranke Menschen verließ, war ihm eines klar: Allein schafft er es nicht. Alkoholismus war zu dieser Zeit noch nicht als Krankheit anerkannt. So galten Betroffene häufig als gesellschaftliche Außenseiter, als asoziale Versager. Wie sich Karl Votteler dieser Situation stellte und was er daraus entwickelte, danken ihm bis heute die vielen Teilnehmenden der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe im Landesverband Württemberg e.V. mit Anerkennung und Respekt.
Karl Votteler knüpfte Kontakte zu ehemaligen Mitpatienten aus der Klinik, damals noch Trinkerheilanstalten, und lud diese in sein Wohnzimmer nach Reutlingen ein. Dort folgte regelmäßig ein intensiver Austausch. Man begleitete sich zu Ärzten, unterstützte einander in Krisen, auch, wenn jemand aus der Gruppe wieder rückfällig wurde, und baute Netzwerke auf. Damals war dem inzwischen verstorbenen Karl Votteler sicher nicht bewusst, dass er eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen hatte. Seit 1978 unterstützt das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche seine Arbeit und trägt dazu bei, dass aus den ersten Wohnzimmertreffen die größte Selbsthilfebewegung von und für Suchtkranke in Württemberg entstehen konnte. Heute zählen die Freundeskreise rund 1800 Teilnehmer in 121 Gruppen, organisiert in 76 örtlichen Freundeskreisen in Württemberg.
Ein wesentliches Merkmal: Angehörige sind ausdrücklich Teil der Treffen, denn Sucht betrifft immer auch Familien – Partner, Kinder, Eltern. Sie alle müssen lernen, mit der Erkrankung und ihren Auswirkungen umzugehen. Die Erfolgsbilanz der Selbsthilfegruppe kann sich sehen lassen: 80 Prozent der suchtkranken Gruppenteilnehmer finden zu einer dauerhaft abstinenten Lebensweise zurück. Von den rückfälligen Teilnehmern können etwa zwei Drittel wieder stabilisiert werden.
Selbsthilfe ersetzt keine Therapie, aber sie zeigt seit 70 Jahren, wie wirksam gemeinsamer Halt sein kann.