Bürokratie frisst Zeit in der Eingliederungshilfe
Pilotprojekt mit dem Rems-Murr-Kreis soll Verwaltungsprozesse vereinfachen und mehr Zeit für die Unterstützung von Menschen mit Behinderung schaffen.
Rund 12.000 Seiten Papier für Vereinbarungen und Bescheide, 6.000 Seiten für jährliche Mietbescheinigungen und monatlich mehr als 2.000 Seiten Rechnungen: Wie stark Bürokratie inzwischen die Eingliederungshilfe belastet, zeigte ein fachlicher Austausch bei der Diakonie Stetten mit Landrat Dr. Richard Sigel (Rems-Murr-Kreis), Landrat Marcel Musolf (Landkreis Esslingen) sowie den Sozialdezernentinnen Stefanie Böhm und Katharina Kiewel. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich Verwaltungsprozesse in der Eingliederungshilfe vereinfachen lassen, damit mehr Zeit und Ressourcen dort ankommen, wo sie gebraucht werden: bei der Unterstützung von Menschen mit Behinderung. Deutlich wurde dabei: Seit der Einführung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) sind viele Verfahren deutlich komplexer geworden. Leistungen müssen stärker individualisiert, genauer dokumentiert und getrennt abgerechnet werden. Das erhöht den Verwaltungsaufwand sowohl in den Einrichtungen als auch bei den Landkreisen als Kostenträgern. Immer mehr Zeit fließt in Formulare, Nachweise und Abrechnungen statt in die direkte Unterstützung von Menschen. Besonders spürbar ist der Mehraufwand bei der Feststellung des individuellen Unterstützungsbedarfs, bei Leistungs- und Vergütungsvereinbarungen, im Berichtswesen sowie bei der Dokumentation und Abrechnung von Unterstützungsleistungen. Hinzu kommt: In Baden-Württemberg arbeiten die 44 Stadt- und Landkreise mit unterschiedlichen Verfahren und Instrumenten. Für Träger wie die Diakonie Stetten bedeutet das, interne Abläufe immer wieder an verschiedene Anforderungen anpassen zu müssen. Weil zudem viele Daten und Dokumente noch immer nicht digital ausgetauscht werden, entstehen zusätzliche Arbeitsschritte, hoher Zeitaufwand und erheblicher Papierverbrauch. „Diese Beispiele zeigen, wie viel Arbeitszeit derzeit in Verwaltungsprozesse fließt. Diese Zeit fehlt dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird – bei der direkten Unterstützung von Menschen.
Wenn es gelingt, Abläufe zu vereinfachen und stärker zu digitalisieren, profitieren alle: die Verwaltung, die Einrichtungen und vor allem die Menschen mit Behinderung“, sagte Dietmar Prexl, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten. Prexl begrüßte, dass beide Landkreise den Austausch vor Ort gesucht haben: „Bürokratie darf nicht länger Zeit binden, die in der Unterstützung von Menschen gebraucht wird. Es ist ein wichtiges Signal, dass wir gemeinsam nach Lösungen suchen, um Verwaltungsprozesse zu
vereinfachen und zu beschleunigen.“
Ein erster konkreter Schritt ist bereits erfolgt: Der Rems-Murr-Kreis und die Diakonie Stetten haben eine gemeinsame Absichtserklärung unterzeichnet, um ausgewählte Verwaltungsprozesse systematisch zu überprüfen und zu vereinfachen. In einem Pilotprojekt sollen nun konkrete Abläufe analysiert und gemeinsam optimiert werden – mit dem Ziel, bürokratische Hürden abzubauen und die Eingliederungshilfe effizienter zu gestalten. Landrat Dr. Richard Sigel betonte die Bedeutung dieses Pilotprojekts: „Uns ist wichtig, dass die Eingliederungshilfe dort wirkt, wo sie gebraucht wird – bei den Menschen. Deshalb gehen wir als Rems-Murr-Kreis mit der Diakonie Stetten gemeinsam voran und schauen ganz konkret, wo wir Verwaltungsprozesse verschlanken und digitalisieren können. Das Pilotprojekt ist ein klares Bekenntnis: Wir wollen nicht nur über Bürokratieabbau reden, sondern ihn auch umsetzen." Landrat Marcel Musolf ergänzte abschließend: „Ich danke dem Vorstand der Diakonie Stetten für diesen beeindruckenden Praxisbericht. Alle Landkreise haben seit der Einführung des BTHG einen massiven Bürokratieaufbau erfahren. Die finanziellen Auswirkungen sind für unsere Gesellschaft enorm. Das Bundesteilhabegesetz muss daher dringend und zeitnah reformiert werden. Unser Ziel ist klar: weniger Bürokratie, mehr Zeit für die Menschen.“