Enormer Schritt in Richtung Inklusion
Hohe Anzahl an Wohnplätzen bereits dezentralisiert
Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) trat in Deutschland am 26. März 2009 in Kraft. Sie verpflichtet Staat und Gesellschaft zur Inklusion und zur Wahrung der Rechte von Menschen mit Behinderungen. Aufgrund dieser Vorgaben und im Rahmen des Bundesteilhabegesetzes hat sich die Diakonie Stetten seit 2010 auf den Weg gemacht, ihre Wohnangebote für Menschen mit Behinderungen zu dezentralisieren. Insgesamt 442 Wohnplätze wurden bislang an zentralen Standorten abgebaut und 486 Plätze in neuen dezentralen Wohnangeboten in der Region aufgebaut.
Als im Jahr 2009 die Gesetzesgrundlage für die Dezentralisierung der Wohnangebote verabschiedet wurde, standen viele der sogenannten „Konversion“ von Komplexträgern kritisch gegenüber. Allen voran Angehörige von Menschen mit Behinderungen. Aber auch Mitarbeitende sorgten sich darum, wie es in Zukunft funktionieren könne, dass Menschen mit Behinderungen nicht mehr in einer geschützten Einrichtung an einem der drei Hauptstandorte, sondern in einem Wohnangebot inmitten der Gesellschaft leben sollten. „Wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten und sensibel mit diesem Thema umgehen“, erinnert sich Heike Gennat, Geschäftsbereichsleiterin des Bereichs Leben Wohnen Regional. Wohnmessen oder Zukunftsworkshops mit Klientinnen und Klienten, Angehörigen und Mitarbeitenden trügen dazu bei, dass alle mitgenommen werden. Bis heute hat die Diakonie Stetten insgesamt drei ihrer Hauptstandorte vollständig aufgegeben. „Wir haben die Wohnangebote auf der Hangweide, am Zentralstandort im Schloss und den Elisabethenberg bei Lorch geschlossen. Dafür haben wir 486 Wohnplätze neu geschaffen“, sagt Heike Gennat. Insgesamt zwölf neue Wohnhäuser im Bereich der besonderen Wohnformen wurden gebaut und mehr als 200 ambulante Plätze in Wohngemeinschaften und Appartements aufgebaut. Gefördert wurde der Auf- und Ausbau dezentraler Wohnangebote in den vergangenen Jahren von der Aktion Mensch. „Die ersten neuen Wohnhäuser mit 24 Wohnplätzen wurden im Jahr 2013 in Fellbach, Weinstadt und Schorndorf eröffnet. Anschließend folgten weitere Häuser in Großbottwar und Ebersbach sowie Außenwohngruppen in Stuttgart, Remshalden, Waiblingen, Esslingen oder Schwäbisch Hall. Wir danken dem Land Baden-Württemberg, der Aktion Mensch und auch der Stiftung Wohnhilfe für die finanzielle Förderung“, sagt Heike Gennat.
„Hinter der Dezentralisierung unserer Wohnangebote stehen nicht nur Zahlen und Projekte, sondern vor allem Menschen und ihre Lebenswege. Für viele Klientinnen und Klienten bedeutet dieser Wandel mehr Selbständigkeit, mehr Normalität und mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Dass wir diesen Weg gemeinsam mit Angehörigen, Mitarbeitenden und Partnern gestalten konnten, macht mich dankbar und zeigt, wie viel möglich ist, wenn wir Inklusion entschlossen voranbringen“, sagt Dietmar Prexl, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten. Neben allen fachlichen und organisatorischen Herausforderungen und dem hohen Koordinierungs- und Steuerungsbedarf des gesamten Prozesses stellten sowohl die extrem angespannte Immobiliensituation als auch die sozialpolitischen Rahmenbedingungen, die Unklarheiten in Bezug auf die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHGs) sowie ungeklärte Fragen zur Refinanzierung die größten Herausforderungen dar. Bei der Auflösung des Standorts Hangweide zogen beispielsweise 161 Menschen mit Behinderung von dort in andere Wohnangebote um. Zusätzlich wurde dort auch die Werkstatt für Menschen mit Behinderung der Remstal Werkstätten vollständig aufgelöst und an anderer Stelle angesiedelt. Der Aufwand für diesen Auflösungsprozess ging weit über einen reinen Neubau und Umzug hinaus. „Von der Suche nach neuen Wohnmöglichkeiten über Abstimmungsprozesse, Beteiligung und Information bis hin zum Umzugsmanagement geht es mit der Sozialraumerschließung an den neuen Standorten sowie konzeptionellen Weiterentwicklungen stetig weiter“, berichtet Heike Gennat.
Für die Klientinnen und Klienten hat sich mit den Umzügen in dezentralisierte Wohnangebote im Alltag viel verändert: Sie waschen, kochen und machen den Haushalt mit Unterstützung der Mitarbeitenden, gehen einkaufen und nehmen Freizeitangebote innerhalb ihres Sozialraumes wahr. „Die Idee 'so viel Normalität und Selbstständigkeit wie möglich' wird an allen neuen Standorten gelebt und wir erleben durchweg positive Resonanz. Durch das Leben vor Ort in den Gemeinden hat ein enormer Schritt in Richtung Inklusion stattgefunden“, so Heike Gennat. Die Dezentralisierung der Wohnangebote sei längst noch nicht abgeschlossen, aber die Zahlen zeigten, dass die Diakonie Stetten bereits sehr viel erreicht und verändert habe.