Man sieht einen hellen Innenraum mit Ausstellungsstücken, die aussehen wie Baustellenfahrzeuge
© Mariaberg e.V.

Roland Kappel: Retrospektive im Klostergebäude

Mariaberg zeigt Lebenswerk des außergewöhnlichen Künstlers

Seit kurzem ist im Klostergebäude Mariaberg, Klosterhof 1, 72501 Gammertingen-Mariaberg die Retrospektive von Roland Kappel zu sehen. Der Mariaberger Künstler zählt zu den wichtigen Vertretern der Outsider Art, seine Werke wurden international ausgestellt. Für die Menschen rund um Gammertingen war er ein Original: der Baustellenbesucher, Mitfahrer am Straßenrand oder Kunstlehrer, der im Kunstunterricht der Gammertinger Schulen gastierte. Eine Retrospektive gibt nun erstmals einen umfassenden Überblick über sein künstlerisches Lebenswerk und lädt ein, einem besonderen Menschen und seinem Schaffen zu begegnen, das sich jeder schnellen Einordnung entzieht.

Der Mariaberg e.V. lud zur Vernissage in die Klosterkirche ein. Feierliche Orgelklänge drangen an diesem Sonntag durch das barocke Gotteshaus, meisterlich gespielt von Prof. Hans-Jürgen Kaiser. „Ich bin mir sicher: Wo auch immer Roland Kappel jetzt sein mag, er hätte Ihrem Spiel mit Freuden gelauscht und es mit seinem Kassettenrekorder aufgenommen“, bemerkte Anika Hellstern, Co-Kuratorin vom Atelier 5.

Roland Kappel wurde 1949 in Reutlingen geboren und lebte seit 1957 in Mariaberger Wohnangeboten im Stadtteil, wo er im September 2024 im Alter von 75 Jahren verstorben ist. Als Autodidakt entwickelte er über Jahrzehnte eine unverwechselbare Bildsprache, die die Grenzen zwischen Kunst, Handwerk und Alltagserfahrung immer wieder neu verhandelt.

Bildhauer Jürgen Knubben – „Künstler, Kenner und Kurator von Roland Kappel“, wie ihn Vorstand Lars Kehling bei der Vernissage einführte – begegnete dem Künstler schon während seiner Zeit als Zivildienstleistender in Mariaberg ab 1975, den er gemeinsam mit dem späteren Vorstand Rüdiger Böhm ableistete. Beide wurden langjährige Begleiter und Förderer von Roland Kappel, später unterstützt vom damaligen Atelier 5-Leiter Axel Klöss-Fleischmann und heute den Kunstassistenzen vom Atelier 5, Anika Hellstern, Barbara Knupfer und Svenja Keller. „Roland Kappel hatte eine Mission und verfolgte sie mit Passion. Er konnte nicht anders. Das ist, was den Künstler im Allgemeinen, Roland Kappel im Besonderen auszeichnet“, so Jürgen Knubben. „Seine Werke funktionieren im eigenen Kosmos des Unnützen – einer fiktiven Welt.“

Aus Fundstücken – Blechdosen, Plastikteilen, alten Geräten – schuf er für seine „RK Baumission“ detailreiche und funktionale Modelle von Kränen, Baggern und Baumaschinen, die zugleich stabil und filigran wirken. „Kappel, der Konstrukteur. Kaum zu glauben, dass es sich um den gleichen Menschen handelt, wenn man erst die Baukräne und dann die Malerei anschaut“, merkte Jürgen Knubben an. Baustellen zerstören oft das Natürliche; beidem widmete sich der Künstler in seinen Werken mit Hingabe. Es entstanden Landschaften zwischen Erinnerung und Fantasie, Heiligenbilder und Mariendarstellungen sowie eine umfassende Sammlung an nachgemalten Straßenschildern aus aller Welt, und so vieles mehr. Sein Zugang zur Religion war laut Co-Kurator Jürgen Knubben betont emotional, orientierte sich in der Darstellung aber an traditionellen Mustern. Als Mensch mit einer Behinderung, als „Außenseiter“, durfte Roland Kappel nicht mit den anderen Kindern die Erstkommunion machen, nicht Ministrant werden – darunter habe er noch lange gelitten und sei doch zeitlebens fromm geblieben, so Knubben.

Kappel war tiefgläubig, leidenschaftlicher Sammler von Dingen und Musik, aufmerksamer Beobachter seiner Umgebung, und in der gesamten Region rund um Mariaberg bekannt und geschätzt. In 2019 wurde er für sein Schaffen zusammen mit der Lautenbacher Blaskapelle mit dem Kreiskulturpreis des Landkreises Sigmaringen geehrt.

Parallel zur Ausstellung in den Klostergängen wurde die bereits seit 2012 bestehende Dauerausstellung im Untergeschoss des Klostergebäudes – der sogenannte „Kappelraum“ – umfassend überarbeitet und neu eingerichtet. Besucherinnen und Besucher erhalten hier einen Einblick in die Werkstatt und die Arbeitswelt der „RK Baumis’on“: Eine von den Kuratorinnen des Atelier 5 sorgfältig bestückte Modellbaustelle zeigt, wie Kappel seine selbst konstruierten Baumaschinen inszenierte und einsetzte. Wer selbst aktiv werden möchte, kann an einer Mitmachstation die von Roland Kappel akribisch gezeichneten Verkehrsschilder nachgestalten.

„Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie wichtig Orte sind, wo Menschen ihr Talent entfalten können. Und, wo sie darin Unterstützung bekommen“, fasste Vorstand Lars Kehling zusammen. Und für Jürgen Knubben steht fest: „Roland Kappel lebt weiter in seinen großartigen Werken.“

Die Ausstellung ist auf zwei Ebenen des Klosters Mariaberg zu sehen und bis 11. Oktober 2026 zu den Bürozeiten des Mariaberg e.V. frei zugänglich: Mo-Do 8-17 Uhr, Fr 8-15 Uhr sowie feiertags und sonntags zu den Kirchenöffnungen. Der Kappel-Raum ist Montag bis Freitag 8-15 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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