„Überzogene Standards“ sind nicht das Problem
Replik auf Appell von vier Oberbürgermeistern: Diakonie fordert Lösungen für Bürokratie-Abbau
Stuttgart, 8. Januar 2026. Die Diakonie Württemberg reagiert mit Unverständnis auf den offenen Appell von vier Oberbürgermeistern, aus Kostengründen Standards im sozialen Bereich zu senken.
„Nicht die Betreuung von Menschen ist der große Kostenfaktor, sondern die ausufernde Bürokratie. Wenn jeder Landkreis und jede Kommune zur Umsetzung landes- oder bundeseinheitlicher Regelungen eigene Verfahren etabliert, Doppelprüfungen stattfinden sowie analoge anstatt digitaler Abrechnung erfolgt, kostet das viel Zeit und Geld“, kontert Oberkirchenrätin Dr. Annette Noller, Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg. Die Träger drucken zur Abrechnung und zur Dokumentation monatlich dicke Stapel von Papier aus, nur damit sie in den Kommunen wieder eingescannt werden.
Die Transformation etwa mit Konzepten wie Personalmix in der Pflege und Poolkonzepten in der Jugendhilfe werde in diakonischen Einrichtungen längst angegangen, sagt Dr. Kornelius Knapp, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Württemberg. „Aus unserer Sicht könnte vieles schlanker und schneller erfolgen.“ Mit der Standardisierung und der Digitalisierung von Verwaltungsprozessen und dem Bürokratieabbau durch landeseinheitliche Verfahren könnten viele Millionen in der Eingliederungshilfe und allen anderen Hilfebereichen eingespart werden. Die von der Diakonie in Württemberg entwickelte fillo-App zur niederschwelligen Bearbeitung von Anträgen von Sozialleistungen müsse für die Umsetzung in den Landkreisen jeweils umprogrammiert werden.
Dass die Oberbürgermeister Landtagsabgeordnete aufforderten, sich gegen die „Große Koalition der Sozialpolitik“ zur Wehr zu setzen, die immer höhere Standards setze, hält die Diakonie für befremdlich. „Nicht die Unterstützung von Menschen, sondern die Bürokratie können wir uns nicht mehr leisten“, bekräftigt Noller. „Soziale Angebote sind kein Kostenfaktor. Sie sparen Folgekosten und stabilisieren den gesellschaftlichen Frieden.“
Die Diakonie Württemberg bittet die Politik, die Expertise der Wohlfahrtsverbände zu nutzen, denn „eine kluge Sozialpolitik, die nicht einseitig kürzt, kann Einsparungen erzielen“.
Hintergrund
Vier Oberbürgermeister fordern vor der Landtagswahl Anfang März massive Erleichterungen für die Kommunen in Baden-Württemberg. „Überzogene Standards“ bei der Kinderbetreuung, in Pflegeheimen oder bei der Inklusion von behinderten Menschen müssten abgeschafft werden, forderten Richard Arnold (Schwäbisch Gmünd, CDU), Matthias Klopfer (Esslingen, SPD), Matthias Knecht (Ludwigsburg, parteilos) und Boris Palmer (Tübingen, parteilos) am Mittwoch in Stuttgart.