Sexualisierte Gewalt
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt
Aufarbeitung von sexueller Gewalt ist neben Prävention, Intervention und Hilfen ein wesentlicher Aspekt im Kampf gegen sexualisierte Gewalt. Im Gegensatz zu einem Strafverfahren geht es nicht darum, einen Täter oder eine Täterin zu überführen und zu verurteilen, denn die Fälle sind oft verjährt. Umso wichtiger ist es für Betroffene, dass ihr Leid gesehen und anerkannt wird und dass Einrichtungen aus diesen Fällen lernen.
Der Begriff „Aufarbeitung“ wird im Kontext sexualisierter Gewalt in Institutionen für die Beschreibung unterschiedlicher Prozesse verwendet - sowohl für die Untersuchung zurückliegender Fälle als auch für die zukunftsorientierte Auseinandersetzung mit aktuellen Fällen.
Institutionelle Aufarbeitung
Unter institutioneller Aufarbeitung versteht man die strukturelle Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch innerhalb einer Institution (zum Beispiel in einer Kirchengemeinde oder einer Einrichtung). Dabei geht es zum einen darum, transparent zu machen, wo und in welchem Ausmaß und welchen Formen Menschen Gewalt und Grenzverletzungen erlebt haben. Vor allem befasst sich die institutionelle Aufarbeitung aber auch damit zu ergründen, welche Faktoren sexuellen Missbrauch vor Ort begünstigt haben und wie mit Betroffenen, aber auch den Tätern und Täterinnen umgegangen wurde.
Die Diakonie Württemberg und ein Teil ihrer Mitglieder haben ihre Geschichte der Heimerziehung in den 1950er bis 1970er Jahre aufgearbeitet. Zum Landesverband der Inneren Mission gehörten damals über 30 Heime für Kinder und Jugendliche. Die Aufsichtsfunktion über die Einrichtungen oblag über lange Jahre dem Landesverband. Im Rahmen dieser Funktion erhielt der Landesverband Kenntnis über Probleme und kritikwürdige Zustände in den Heimen und war aktiv an den Lösungsmöglichkeiten beteiligt.
Zur Aufarbeitung wurden Aktenbestände durchforstet Strukturen der Heimerziehung beleuchtet, die Reformbestrebungen in den frühen 1950er Jahren analysiert und die Ergebnisse 2017 in einem Buch veröffentlicht. Ein Kapitel des Buches beschäftigt sich mit einer besonders dramatischen Dimension von Fehlverhalten, den sexualisierten Gewalttaten an betreuten Kindern und Jugendlichen.
Veröffentlichungen zu Ergebnissen der Aufarbeitungsprozesse in Einrichtungen der Diakonie (PDF)
Individuelle Aufarbeitung
Bei der individuellen Aufarbeitung geht es um den einzelnen Menschen, der sexualisierte Gewalt erlebt hat, und darum, wie er mit dem Erlebten umgehen und es möglichst auch bewältigen kann. Dazu kann gehören, über das vergangene Unrecht zu sprechen - in einem privaten oder auch öffentlichen Umfeld, aber auch im Rahmen einer Therapie. Auch Anerkennungsleistungen über die Unabhängige Kommission können dabei ein Teil der individuellen Aufarbeitung sein. Die Evangelische Landeskirche unterstützt Betroffene in ihrer individuellen Aufarbeitung und der Vernetzung mit anderen Betroffenen.
Aktuelle und abgeschlossene Aufarbeitungsprozesse von Mitgliedern der Diakonie Württemberg
EKD, Diakonie Deutschland und UBSKM haben zur weiteren unabhängigen und transparenten Aufarbeitung von sexualisiertem Missbrauch in Kirche und Diakonie bundesweit Unabhängige Regionale Aufarbeitungskommissionen (URAK) gegündet. Landeskirchen und Diakonische Werke haben sich dazu zu 9 Verbünden zusammengeschlossen. Die URAK im Verbund Württemberg besteht aus 7 Personen (ungerade Zahl), darunter 2 Betroffene (aus dem Kontext Diakonie und Kirche), Personen aus Wissenschaft, Justiz, Verwaltung sowie Vertretungen aus Diakonie und Kirche.
Die URAKs sollen
- quantitative und qualitative Analysen und Fallerhebungen durchführen
- den Umgang mit Betroffenen bei der Aufarbeitung untersuchen und evaluieren
- Strukturen identifizieren, die sexualisierte Gewalt begünstigen oder die Aufklärung erschweren
- Betroffene anhören.
Ein kleiner Betroffenenbeirat entsendet die Betroffenen in die URAK und unterstützt ihre Arbeit. Die URAK Württemberg hat im März 2025 ihre Arbeit aufgenommen: Kontakt: info@urak-wuerttemberg.de
Links und Downloads
- Evangelische Landeskirche Württemberg: Unabhängige Regionale Aufarbeitungskommission
- Evangelische Kirche Deutschland: Unabhängige Regionale Aufarbeitungskommissionen
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Gemeinsame Erklärung über eine unabhängige Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der ev. Kirche und Diakonie PDF (745 KB)
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Pressemitteilung Unabhängige Regionale Aufarbeitungskommission: Konstituierende Sitzung PDF (78 KB)
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Forum-Studie PDF (7 MB)
Anerkennung des Leids
Die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat zur Aufarbeitung in ihrem Verantwortungsbereich bereits 2015 eine Unabhängige Kommission für die Gewährung von Leistungen in Anerkennung des erlittenen Leids eingesetzt. Sie übernimmt damit Verantwortung für das Leid, das Menschen, die als Kinder oder Jugendliche durch Mitarbeitende der württembergischen Landeskirche oder Diakonie durch sexualisierte Gewalt erfahren haben und gewährt „Leistungen in Anerkennung des erlittenen Leids“.
Betroffene Personen, die sexualisierte Gewalt durch Mitarbeitende im Rahmen eines Abhängigkeitsverhältnisses in diakonischen Institutionen erlitten haben, oder die durch Unterlassen im Rahmen der Aufsichtspflicht Gewalt unter Schutzbefohlenen erlitten haben, sind berechtigt Anerkennungsleistungen zu beantragen.
Der Antrag auf Leistungen in Anerkennung des erlittenen Leids ist schriftlich unter Verwendung des dafür vorgesehenen Antragsformulars zu stellen. Er ist an die Geschäftsstelle der Anerkennungskommission des Verbunds Württemberg (Kontakt: anerkennungskommission@elk-wue.de) zur Gewährung von Leistungen in Anerkennung des Leids an Betroffene sexualisierter Gewalt zu richten.
Downloads Anerkennungsleistungen
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Anerkennungsrichtlinie PDF (158 KB)
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Begründung zur Anerkennungsrichtlinie PDF (270 KB)
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Neuantrag Anerkennungsleistungen PDF (185 KB)
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Neuantrag Anerkennungsleistungen Anlage A PDF (230 KB)
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Neuantrag Anerkennungsleistungen Anlage B PDF (69 KB)
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Geschäftsordnung der unabhängigen Anerkennungskommission PDF (139 KB)
Ansprechperson
Monika Memmel
Referentin für Aufarbeitung und Intervention in der Fachstelle sexualisierte Gewalt
memmel.m@diakonie-wuerttemberg.de 0711 1656462 0175 6803117