Ein warmes Mittagessen, RUSSLAND

Für einen Moment die Kälte, die Einsamkeit, den Hunger vergessen. Das gelingt nicht immer und doch ab und zu. In der Nähe des städtischen Markts in Samara gibt es ein warmes Mittagessen und einen beheizten  Raum zum Aufwärmen. Was für ein Segen.

Die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Georg zu Samara  und die orthodoxe Gemeinde mit dem Namen der Großmärtyrerin Elisabeth haben sich zusammengeschlossen, um Menschen am Rande der Gesellschaft zu unterstützen. Die Stadt Samara stellt den Gemeinden für den Mittagstisch kostenlos einen Raum zur Verfügung – eine bespielhafte ökumenische und kommunale Vernetzung. So können jeden Winter, der in dieser Gegend fast 6 Monate dauert, Obdachlose mit einem warmen Mittagessen versorgt werden.

In der Propsteigemeinde in der Stadt Togliatti (100 km von Samara entfernt) funktioniert seit 12 Jahre das Projekt „KIT“ (Klub Initiative Togliatti), das Familien mit Kinder und Jugendlichen mit Behinderung eine Tagesstätte anbietet. Sie werden mit dem Gemeindeauto abgeholt und in das Gemeindehaus gebracht, wo sie die Möglichkeit haben, nähen und stricken zu lernen, eine Tanz-und Musikstunde und Tonunterricht zu haben. Zusammen mit den Erziehern bereiten sie das Mittagessen vor und essen gemeinsam. Die Möglichkeiten in der Tagesstätte tragen wesentlich zu ihrer Sozialisation bei.

Dieses  Projekt wurde bekannt, hat sich ausgebreitet und in der Gemeinde Samara entstand ein ähnliches, das seit 2018 erfolgreich existiert. In Rahmen dieser Arbeit entstand das Theater „Steh auf und geh“. Dieses Theater hat einen Film („Artist“) gedreht, in dem nur junge Menschen mit Behinderung spielen. Diese Gruppe bereitet Krippenspiele und Osterspiele vor, an denen auch Kinder aus der Gemeinde mitwirken.

Seit Ende 1991 unterhält die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart partnerschaftliche Beziehungen zur Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Sankt Georg in Samara. Viele Menschen aus Stuttgart und anderen Teilen Württembergs, die Hilfswerke Gustav-Adolf-Werk, Martin-Luther-Bund und das Diakonische Werk Württemberg (Hoffnung für Osteuropa) fördern die kirchliche Aufbauarbeit in Samara.

Pröbstin Olga Temirbulatova schreibt über die Evangelisch-Lutherische Kirche im Europäischen Russland und die Kirchengemeinde St. Georg zu Samara:

Die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Georg zu Samara gehört zur Propstei Samara,  einer der 12 Propsteien der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Europäischen Russland. Samara liegt an der Wolga, in ihren mittleren Teil, 1000 km östlich von Moskau.

Die Ev.-Luth. Kirche im Russischen Reich, Sowjetunion, dem heutigen Russland und den Nachbarstaaten war und ist seit Jahrhunderten ein fester Bestandteil der religiösen und kulturellen Landschaft der russischen Gesellschaft. Schon unmittelbar nach den Ereignissen der Reformation in Deutschland kommt der evangelische Glaube mit seinen Trägern nach Russland. Das war nicht zuletzt den intensiven wirtschaftlichen Beziehungen und der Offenheit der Regierenden gegenüber den Deutschen zu verdanken.

Viele evangelische Russlanddeutsche haben für die Kultur, Politik, Wirtschaft und die Wissenschaft Russlands und der Nachfolgestaaten der Sowjetunion eine außerordentlich wichtige Rolle gespielt.

Das XX. Jahrhundert ist für alle Religionsgemeinschaften der ehemaligen Sowjetunion durch die rotten Töne des Martyriums gekennzeichnet. Noch vor dem II. Weltkrieg wurden Kirchen geschlossen und Eigentum nationalisiert. Bibeln, Gesangbücher und sonstige geistliche Literatur konfisziert. Samt den Gotteshäusern wurden auch Schulen und soziale Einrichtungen zerstört oder geschändet und für sogenannte „sozialistische Notwendigkeiten“ umgestaltet.

In der Zeit des „großen Terrors“ wurden Gläubige aller historischen Konfessionen inklusive Evangelische zu Klassen- und Volksfeinden erklärt. Geistliche und auch aktive Laien wurden festgenommen, zu Zwangsarbeit geschickt und hingerichtet.

Mit Beginn des Großen Vaterländischen Krieges 1941 kamen dazu wie bekannt noch neue grausame massenhafte Repressalien und Deportationen.

Nach dem Krieg existierten die Gemeinden als eine Untergrundkirche, Gebetskreisen, Hausgruppen weiter. Die erste nach 1953 und lange Zeit die einzige legale Gemeinde in der Sowjetunion (abgesehen von den baltischen Kirchen) war die Gemeinde in Zelenograd in Kasachstan. Dieser Zustand verzögerte die Möglichkeit einer vollständigen Wiederbelebung der Evangelisch-Lutherischen Kirche und ihrer Strukturen.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion sind mehrere Kirchen in den unabhängig gewordenen Staaten entstanden und staatlich registriert. 2015 wurde der zwischenkirchliche Vertrag unterschrieben und der Bund der Evangelisch-Lutherischen Kirchen Russlands und anderer Staaten konstituiert. Der Bund agiert gemeinsam auf mehreren Feldern, im Bereich der Ausbildung, Öffentlichkeitsarbeit, Jugendarbeit u.a.

Die Ev.-Luth. Kirche Russlands hat heute feste Beziehungen mit den Partnerkirchen und Gemeinden in Deutschland. Sie besteht aus zwei Regionen: Europäisches Russland und Ural, Sibirien, Ferner Osten. Sie zählt etwa 200 Gemeinden und Gemeindegruppen und hat etwa 17.000 konfirmierte Mitglieder.

Die Gemeinde in Samara entstand 1854. 1930 wurde sie aufgelöst und die Kirche zweckentfremdet. Ein Neuanfang wurde 1991 (in der Zeit der Wende) möglich. Die Gemeinde wurde neu gesammelt und registriert. Zurzeit hat sie ca. 300 Gemeindeglieder und besitzt den historischen Kirchenkomplex in Samara, der ihr 2010 vom russischen Staat ins Eigentum zurückgegeben wurde.

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