Andachten aus dem DWW

„Himmelfahrt – Oder: Von der Sehnsucht nach dem neuen Leben“

Liebe Schwestern und Brüder,

Mit so einem Erfolg hatte niemand gerechnet. Aber dann lief das Musical Cats ununterbrochen 21 Jahre lang. Mit über 50 Millionen Zuschauern ist es eines der erfolgreichsten und am längsten gespielten Musicals aller Zeiten geworden. Die Geschichte, die das Musical Cats erzählt, geht so:
Einmal im Jahr treffen sich die Londoner Katzen zum Ball auf einem Müllplatz. Ein großes Fest. Und am Ende des Festes entscheidet Old Deuteronomy, wer zu einem neuen Leben wiedergeboren wird. Old Deuteronomy ist der gütige und weise Anführer der Katzen. Er steht in der Katzenhierarchie ganz oben. Und deshalb entscheidet er ganz alleine, wer wiedergeboren wird.

Und dieses Mal ist es am Ende die alte, verlauste, verlebte Grizabella! Mit dieser Wahl hatte keiner gerechnet. Früher war sie mal eine strahlende Erscheinung. Aber im Laufe des Theaterabends wird klar: sie ist nicht willkommen in dieser Gemeinschaft der Katzen. Am Ende wird sie dennoch erwählt. Sie darf die Reise in einen geheimnisvollen „sphärischen Raum“ antreten.

„Heaviside Layer“. Ein Wortspiel. ‚Heaven‘, das ist der Himmel. Und ‚lair‘ ist das Lager eines Tieres. Dieser Begriff spielt auf die damals neue physikalische Entdeckung der hochgelegenen Schicht der Erdatmosphäre an. Und das ist schon eine beeindruckende Himmelfahrt, die da auf der Bühne stattfindet. „Wiedergeburt“ allerdings, das klingt nicht nach einer aufregenden physikalischen Erkenntnis. Und „Himmelfahrt“ ist etwas, wovon Christen im Neuen Testament lesen und am Himmelfahrtstag feiern: dass Jesus „aufgefahren ist in den Himmel“. Ob die Macher des Musicals biblische Motive aufgenommen und verfremdet? – Ich weiß es nicht.

Aber eine uralte Sehnsucht wird da sehr wohl angesprochen: Wo komme ich her? Und vor allem - wo gehe ich hin? Gibt es etwas, was über dieses Leben hinausreicht? Gibt es vielleicht jemanden, der aus meinem, manchmal sehr verkorksten Leben doch noch etwas halbwegs Ansehnliches machen kann? Oder bin ich für Zeit und Ewigkeit festgelegt? Durch Lebensumstände? Falsche Entscheidungen? Falsche Freunde? Was auch immer!

Der Evangelist Johannes  berichtet von einem Gespräch, dass Jesus mit Nikodemus führt (Johannes 3, 1-17).
In diesem Gespräch geht es um „Wiedergeburt“. Um den Himmel und das Reich Gottes  - und wie man da hineinkommt. Die Sehnsucht nach einem neuen, einem anderen Leben treibt Nikodemus um. Wie kann ich Sinn in meinem Leben finden? Eine Mitte, die ich bisher verfehlt habe?

So einfach wie im Musical geht es im Johannes-Evangelium nicht zu. Eine Reise zum „Heaviside Layer“ wird es in unserem Leben nicht geben. Keiner fährt da hinauf. Jesus  sagt: „Niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn.“ (Joh 3, 13)

Aber einen Weg in das Licht gibt es doch: Wer Vertrauen zu mir findet, „der wird das ewige Leben haben“. (Vers 16)

Dieses ewige Leben, von dem Jesus spricht, das ist mehr als ein wackliges Zukunftsversprechen auf einer Müllkippe. Das ist mehr als ein ungewisses Jenseits in einer fernen Zukunft, wo es dann endlich dank himmlischer Zustände keine Probleme mehr gibt. Das jenseitige Leben beginnt immer schon in der Gegenwart. Im Hier und Jetzt kann man schon erahnen, was Jesus mit diesem „Reich Gottes“ meinte: Überall da, wo Menschen ihre Selbstbezogenheit ablegen und auf andere Menschen achten, Menschen als Ebenbild Gottes ansehen, da leuchtet ein Stück von diesem neuen Himmel in unser Leben. Wir können dazu von Jesus lernen. Wie er mit Menschen umgegangen ist. Wie er ihnen Wert und Würde zugesprochen hat. Wie er andere Menschen nicht einfach aburteilte, sondern sich mit ihnen auseinandersetzte. Wie ein Blitzlicht leuchtet da der kommende  Himmel auf, wo dies auch heute gelingt.

Der neue Himmel und die neue Erde, von denen die Bibel spricht, ist und bleibt eine Provokation. Die erlöste und vollendete Welt wartet nicht nach einer metaphysischen Himmelsreise auf uns.  Die Herausforderung liegt für uns darin, ein Stück von diesem jenseitigen Himmel schon im Diesseits aufleuchten zu lassen.
Nikodemus jedenfalls lernte in dem Gespräch mit Jesus, dass das neue Leben, das er sucht, sehr nahe ist.

Amen.

Autor

Pfarrer Matthias Riemenschneider
Stabsstelle Gesellschaftsdiakonie
Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V.
riemenschneider.m@diakonie-wuerttemberg.de


„Der Schrei“

Liebe Schwestern und Brüder,

Dass der Glaube Berge versetzen kann, das kennen wir. Aber das Gebet? Trauen wir dem Beten etwas zu? Eine Ermutigung in schweren Zeiten?
Ein bekannter Vers aus dem Johannesevangelium lautet: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16, 33)

‚In der Welt habt ihr Angst…‘ – „Der Schrei“ ist das wohl bekannteste Bild des norwegischen Malers Edvard Munch. Unter einem dunklen, unheilschwangeren Himmel – mit schweren unruhigen Strichen gemalt – sehen wir ein mumienhaftes Gesicht: ganz Schrei – ganz Angst. Ein großer existentieller Angstschrei – auch in Vorahnung des kommenden Ersten Weltkrieges.
Eine Figur hält seine Hände an den Kopf, sie verstärken so noch den lautlosen Schrei. Das Gesicht ist verzerrt. Man sieht förmlich den Schrei. Aber niemand hört ihn. Niemand nimmt die Angst wahr. Ein gutbürgerliches Paar schlendert ungerührt weiter, ein normaler Abendspaziergang auf einer Brücke. Die Masten der Schiffe im Fjord gleichen Kreuzen auf Gräbern.

 „Dies alles habe ich euch gesagt“ – lässt der Evangelist Johannes Jesus sagen – „damit ihr in meinem Frieden geborgen seid. In der Welt wird man euch hart zusetzen, aber verliert nicht den Mut: Ich habe die Welt besiegt!“ So lautet die Übersetzung in der Gute Nachricht Bibel. Oder in den vertrauten Worten von Martin Luther: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16, 33)
Johannes lässt in diesen Worten den Auferstandenen Jesus reden, aber so, dass er Jesus in eine Gesprächssituation des Abschieds mit seinen Jüngern stellt, die noch vor Ostern spielt. So beleuchtet dieser Bibeltext eine doppelte Perspektive: Nach Ostern ist gleichzeitig vor Ostern.

Und dies ist doch auch unser Blick auf Ostern. Wir blicken zurück auf die große Befreiungstat Gottes an Ostern – und gleichzeitig warten wir noch auf die vollständige Erfüllung seiner Verheißungen.
Das Warten auf die Erfüllung der göttlichen Verheißung soll nicht in erster Linie von Ängsten begleitet sein. Ist es auch nicht. Freude und Zufriedenheit, ein normaler Alltag, steht vielmehr im Mittelpunkt unseres Lebens. Aber Sorgen und manchmal auch Ängste gehören auch zu diesem Alltag. Wer in den letzten Wochen einen Husten hatte und auch noch Fieber bekam, wird sich gut an die bangen Stunden erinnern können.

Ein paar Zeilen vor unserem bekannten Bibelvers spricht Jesus das Gebet an: „Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.“ (Joh 16, 24)
Die Freude zum Leben, mit der wir beschenkt werden, diesen Gedanken verbindet Jesus mit dem Beten. Die Lebensfreude selber ist dabei auch eine Frucht des Gebetes. Sorgen und Ängste, die ebenso unsere Begleiter sind, sollen uns nicht den Blick auf Gottes Güte verstellen. In den Worten Jesu an seine Jünger ist eine Ermutigung enthalten. Die Ermutigung zum Gebet, eine Hilfe zur Lebensfreude und eine Ermutigung gegen die Angst.

In dieser Ermutigung steckt gleichzeitig auch eine Befähigung. Jesus fordert die Jünger auf, sich mit ihrem Gebet direkt an Gott zu wenden. Er selber will nicht als Mittler auftreten, der sich fürbittend zwischen Gott und seine Gemeinde stellt. Im Osterereignis hat die Gemeinde die Kraft von Gottes Liebe erkannt. Ein Band, das nun so fest ist, dass das Gebet unmittelbar werden darf. „Amen“ sagt Jesus, „ich versichere euch: Der Vater wird euch dann alles geben, worum ihr ihn bittet, weil ihr es in meinem Namen tut und euch auf mich beruft.“ (Joh 16, 23b)

Martin Luther hat einst für seinen Friseur, den Meister Peter Beskendorf, eine lesenswerte und sehr einfühlsame Anleitung verfasst, wie wir beten können. Er hat ihr den Titel gegeben „Eine einfältige Weise zu beten, für einen guten Freund“. Darin gibt Luther auch Auskunft über seine eigene Gebetspraxis. Er gesteht freimütig, dass er häufig durch Tagesgeschäfte und dringende Aufgaben vom Beten abgehalten wird. Gegen die schwäbische Weisheit, „Wer treu arbeitet, der betet zwiefach“, empfiehlt Luther dringend, dass man „das Gebet morgens früh das erste und abends das letzte Werk sein lasse.“ So könne  man sein „Herz warm halten“, um nicht abgelenkt von fremden Gedanken mit Lust und Freude zu beten.
Und dann fährt Luther fort: „Zuletzt bedenke, dass du das Amen jederzeit stark machen und nicht zweifeln sollst, dass Gott dir gewiss mit aller Gnade zuhört und Ja sagt zu deinem Gebet; und bedenke ja auch, dass du nicht alleine da kniest oder stehst, sondern die ganze Christenheit, alle frommen Christen bei dir und du unter ihnen in einmütigem, einträchtigen Gebet, welches Gott nicht verachten kann. Und lass nicht ab vom Gebet, bis du gesagt oder gedacht hast: Wohlan, dies Gebet ist bei Gott erhört, das weiß ich gewiss und fürwahr. Das heißt: Amen.“

„Dies alles habe ich euch gesagt, damit ihr in meinem Frieden geborgen seid. In der Welt wird man euch hart zusetzen, aber verliert nicht den Mut: Ich habe die Welt besiegt!“

Amen.

Autor

Pfarrer Matthias Riemenschneider
Stabsstelle Gesellschaftsdiakonie
Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V.
riemenschneider.m@diakonie-wuerttemberg.de


Ein Schatz

Liebe Schwestern und Brüder,

in Büchern finde ich Aufmunterung, Motivation, neue Ideen und Inspiration. Bei mir im Regal stehen nebeneinander eine Bibel in Englischer Sprache, das Buch Mormon, eine Bibel in Isländischer Sprache, das Neue Testament auf Griechisch und eine Deutsche Übersetzung des Korans – ein wertvolles Geschenk von einem Freund. Und vor den Büchern eine kleine Schatzkiste. Auf dieser kleinen Pappschachtel ist ein Zitat aus der Bibel auf isländisch: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Matthäus 6:21)

Ich führe gerne Gespräche über solche religiöse Bücher und heilige Schriften. Ich finde es interessant wie ganz unterschiedliche Menschen ihre Bücher hüten – wie ihren größten Schatz. Für mich besteht der Schatz der Bibel in den Erzählungen und Geschichten, die dort abgebildet sind; Ich bin mit ihnen aufgewachsen, sie sind Teil meiner Lebensbiographie. Für mich war es jedoch eine Herausforderung, die Bibel in seiner fantastischen Vielfalt kennenzulernen. Ich bin mit einer gewissen Skepsis gegenüber dem Alten Testament aufgewachsen. Für mich galt es dann während der Ausbildung zum Diakon, die eigene Neugier zu wecken, um die Schätze der ganzen Bibel zu entdecken: diese faszinierende Vielfalt der fünf Bücher Mose, der Psalmen, der großen und kleinen Propheten, die Tiefen der Weisheiten Salomos, die verblüffenden Verse im Buch Kohelet und die sich wiederholende Geschichte von Hiob. Für mich ist es ein Glück, ein Segen, ja ein Schatz, diese Geschichten als Teil von mir sehen zu dürfen.

Eins der heiligen Bücher in meinem Regal ist wie schon erwähnt ein Koran. Als mein Freund mir die Übersetzung des Koran in Deutscher Sprache geschenkt hatte und ich nach einem gutem Gespräch dabei war mich von ihm zu verabschieden, standen wir am Ausgang seiner Wohnung. Ich wollte meine Winterschuhe, die dort standen, anziehen. Ich wollte auch meine Hausschuhe, die ich mitgebracht hatte, in meinen Rucksack aufräumen. Also legte ich den Koran auf das Regal unter dem Spiegel, öffnete meinen Rucksack, packte die Hausschuhe ein, bedankte mich nochmals für das große Geschenk, den Koran, und wollte diesen in den gleichen Rucksack hineinpacken. Ein Erschrecken lief über sein Gesicht. Für ihn nicht denkbar, ein heiliges Buch in einen Rucksack zu packen, in dem auch Schuhe waren. Er schenkte mir eine Baumwolltüte – für die Hausschuhe – damit ich den Koran im Rucksack tragen konnte. An diesem Abend habe ich etwas Neues über heilige Bücher gelernt – und später auch, das es Muslime gibt, die kein Problem damit haben Hausschuhe und ihren Koran in einen Rucksack zu packen. Wir gehen eben unterschiedlich mit unseren Schätzen um. Die Kombination dieser zwei Erfahrungen wurden aber zu einem Schlüssel für mich: Sehr viele interreligöse Gespräche konnte ich genau mit dieser Frage anfangen: Angenommen du willst reisen und nimmst ein für dich sehr wertvolles Buch mit. Welches Buch wäre das und dürfte es in deinem Reisegepäck in der gleichen Tasche oder Rucksack verstaut werden, wie deine Hausschuhe? Mein größtes Staunen dabei war: Es gibt tatsächlich auch Diakone, die sehr unterschiedlich mit ihren Bibeln umgehen. Ich hätte es wissen müssen. Und doch finde ich es schön, immer wieder über die Vielfalt vor meinen Augen – die Vielfalt, die ich übersehe und dann doch entdecke – staunen zu dürfen. Ich freue mich über die unterschiedlichen Schätze meiner Mitmenschen.

Diese Frage können wir uns auch in einer anderen Formulierung persönlich stellen: Wie / wo hüte ich meine Schätze? Neben den greifbaren Schätzen bei uns im Regal oder sonstwo, gibt es auch die nicht so sichtbaren Schätze. Das wird deutlich wenn wir nun die kleine Pappschachtel oder Schatzkiste auf dem Bild vor den Büchern aufmachen. Dort drin sind viele kleine Zettel mit Bibelversen drauf. So wie dieser:

"Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen."  (1. Joh. 4.12)

Und auf der Rückseite ein Gebet:

"Gott, segne meine Arbeit heute, das diese wohltuend für meine Mitmenschen ist, deinem Reich dient und zu einer Welt beiträgt, die in deinem Sinne ist. Amen."

Bleiben Sie behütet und hüten Sie bitte Ihre Schätze.

Autor

Diakon Pétur Thorsteinsson 
Referent für Internationale Diakonie, Geschäftsführung Hoffnung für Osteuropa
Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V.
Thorsteinsson.P@Diakonie-Wuerttemberg.de


"Wo kann ein Mensch IHN finden?"

Liebe Schwestern und Brüder,

stellen Sie sich einmal einen Weg vor:
Das Herz schwer. Wie soll es weitergehen? Als ob die Welt aufgehört hätte, sich zu drehen. Pessimismus breitet sich aus. Nichts wird mehr so sein wie vorher. Zwei gehen miteinander. Zwei dürfen ja. Auf Abstand…
Da tritt ein dritter hinzu. Nur nicht zu nahe ranlassen, Abstand halten! Nähe kommt dabei keine auf, auch wenn die Nähe in der Situation besonders fehlt. Man redet halt so über das, was da gerade geschieht. Immer auf Abstand.

Was ganz aktuell klingt, das ist vor 2000 Jahren geschehen. Nachdem Jesus gestorben war, wagten sich zwei der Jünger aus ihrer Höhle hervor und wanderten ins nahe gelegene Dorf Emmaus. Zwei Stunden zu Fuß. Was hatten sie da zu suchen? Nun eigentlich nichts. Sie stapften ziellos durch die Gegend. Eine Art Übersprungshandlung. Wenn man nicht weiß, wie es weitergeht, dann tut man eben irgendwas. Rumlaufen. Auf ihrem Weg begegnet ihnen ein Dritter, der sich ihrem Weg anschließt. Er geht klug vor. Zuerst lässt er sie erzählen, was sie bedrückt. Dann sagt er ihnen, wie er die Sache sieht. Irgendwas fängt in ihnen an zu keimen. Ein Verstehen. Neue Hoffnung. Ohne bestimmten Grund laden sie ihn zum Bleiben in der Nacht ein. Warum wohl? Vermutlich einfach, weil sich das so gehörte, damals, dass man einen Einzelnen in der Nacht nicht ohne Obdach und Nahrung lässt, egal, ob er ein Fremder oder ein Freund ist.
Zu Tisch bricht er das Brot, reicht ihnen den Wein, dieser, den sie bisher nicht erkannt haben.
Mitten in ihrer Ziellosigkeit, mitten in ihrer Ratlosigkeit, da merken sie plötzlich: Jesus ist da. In der Bibel finden Sie die Geschichte im Lukasevangelium, im 24. Kapitel.

Beim Spazierengehen in dem kleinen Dorf, in dem ich wohne, komme ich mir zu Zeit auch ein bisschen wie die beiden Jünger damals vor. Eine Runde laufen gegen die doch auch bedrückende Situation in der auch wir heute uns fragen, wie das jetzt weiter gehen wird. Ich habe dabei eine Freundin aus der Gemeinde getroffen. Ach, es tat so gut, sie zu sehen, auch wenn wir nur ein kleines Stück in weitem Abstand nebeneinander her gelaufen sind. Beide vermissen wir den gemeinsamen Gottesdienst, das miteinander singen und beten. Allerdings sind wir beide routinierte Kirchgänger. Gemeindefreizeiten, Hauskreise, Jugendarbeit, Gemeindefeste – das ist uns beiden sehr vertraut.
Was mich um ehrlich zu sein schon überrascht ist, wie viele Menschen in dieser verwirrenden Zeit nach Gott fragen. Ich bekomme über mein Handy Einladungen zum gleichzeitigen Gebet. Menschen schicken mir Vertrauensverse aus der Bibel. Menschen sehnen sich nach Segen. Die Pfarrerin und die Christin in mir, die freuen sich über dieses Interesse. Ich kenne das Gefühl dieser Menschen bei mir auch. Schon lange. Wenn die Welt um mich herum nicht funktioniert, wenn ich Sorgen habe oder Angst vor der Zukunft, dann wird die Sehnsucht in mir groß. Die Sehnsucht, zu spüren, dass Gott da ist.

Wo kann ein Mensch IHN finden?

Darauf gibt es Standard-Antworten: In der Natur, in der Liebe der Menschen…
Diese Antworten sind gar nicht so schlecht!
Was macht, dass der Wald jedes Jahr wieder ausschlägt?
Was macht, dass die Blumen jeden Morgen wieder aufblühen und die Vögel singen?
Was macht, dass die Erde Nahrung für uns hervorbringt?
Das alles funktioniert so gut, dass ich es nicht mehr Zufall nennen mag. Da steckt ein ausgeklügelter Plan dahinter. Und den Planer, den nennen wir Gott.
Dass mir Menschen freundlich begegnen, dass sie mich gern haben, das kann ich nicht beweisen. Ich muss es glauben. Aber dass ich glauben kann, dass andere Menschen mich gern haben, das macht mir Mut zu glauben, dass Gott mich auch gern hat.
Aber die wichtigste Antwort auf die Frage, wie und wo ich Gott finden kann, die geben die beiden Jünger, die an diesem Abend ins Dörflein Emmaus laufen.
„Brannte nicht unser Herz in uns…?“ fragen sie. Ja, DAS glaube ich, tut es! Ich bin tatsächlich überzeugt, dass Gott in jede, in jeden von uns diesen kleinen Funken hineinlegt, der unser Herz brennen lässt. So einen kleinen Funken, der eine bestimmte Stelle in unserer Wahrnehmung erleuchtet. Die Stelle nämlich, die es mir und dir und jedem Menschen möglich macht, zu glauben.

An Gott. Daran, dass ER diese Welt in SEINER Hand hält. Und daran, dass ER auch für mich da ist. Amen.

Autorin

Pfarrerin Daniela Milz-Ramming 
Landespfarrerin für Gehörlosenseelsorge
Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V.
milz-ramming.d@diakonie-wuerttemberg.de


„Du bist nicht allein“ - TV-Gottesdienst aus dem DWW

Der württembergische Diakoniechef Oberkirchenrat Dieter Kaufmann gestaltete eine Folge der Gottesdienst-Reihe „Du bist nicht allein“ bei Regio TV.


„Wo bist du?“

Liebe Schwestern und Brüder,

mittlerweile haben wir gelernt, mit den krisenbedingten Einschränkungen einigermaßen gut umzugehen. Homeoffice, Homeschooling und digitale Kommunikation funktionieren besser als befürchtet, und wir erleben faszinierend kreative Formen der Solidarität und Nähe - trotz räumlicher Distanz. 
Aber wir kennen inzwischen auch schon Menschen, die durch das Virus schwer erkrankt sind – wir bangen um sie und beten mit ihnen. 
Bilder aus unseren Nachbarländern erschüttern uns. Dort haben wir doch im Herbst noch bei einem Glas Weißwein und feinem Käse die Kultur und die Freundlichkeit der Menschen im Elsass genossen. Wie gut, dass unsere Intensivstationen auch für unsere Nächsten, für Nachbarn in Not, geöffnet sind.


Weiter entfernt leben Menschen in Flüchtlingslagern, Townships und Favelas, ihre Situation berührt und beängstigt mich zutiefst, ja, sie übersteigt meine Gedanken.                                      
Immer öfter frage ich mich aber auch, wie es in den Menschen aussieht, die in diesen Stunden um Luft und um ihr Leben ringen. Und wie geht es dabei den Angehörigen, die ihre Kranken nicht besuchen können, sich nicht für sie einsetzen oder Ihnen zur Seite sein können, weder im Krankenhaus noch in den Pflegeeinrichtungen. Das macht ohnmächtig, traurig, verzweifelt.

In der Karwoche begleitet uns ein Wort aus dem Johannesevangelium:                                               
Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. (Joh. 3,14b15) Was nutzt uns dieses Wort in der Krise?! Warum muss einer sterben, damit wir leben?

„Erhöhen“ kann  bedeuten: da wird einer aufgehenkt, dort hinauf ans Kreuz. Er erleidet einen elenden Erstickungstod und schreit wie Menschen schreien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?!“ Die Dichterin Eva Zeller (EG, S. 211) hat für mich die eindrücklichste Deutung für das Unbegreifliche gefunden:

Wann
wenn nicht
um die neunte Stunde
als er schrie
sind wir ihm
wie aus dem Gesicht geschnitten.

In tiefstem Leid und Gottverlassenheit, wenn der Abgrund der Beziehungslosigkeit am dunkelsten ist und jede Frage nach dem Warum im leeren Raum verhallt, gerade dann ist Gott uns am nächsten. Das ist nichts, was ich mit meinem Verstand erfassen kann.                                   

Und doch ist es eine Situation, wie Menschen sie tatsächlich erleben:                                                                
dass sie auf ihre unausgesprochene Frage: „Wo bist du?!“ die Antwort bekommen: „Hier, ganz nah bei dir“.

Jesu „Erhöhung“ geht aber weiter. Er wird auf ewig erhöht, hinauf zu Gott. Von dort aus will er den Menschen, die an ihn glauben, das ewige Leben schenken – womöglich auch denen, die sich so schwer tun, zu glauben. Wie gut, dass wir auch stellvertretend glauben und füreinander beten können, wie es vor kurzem der Trainer des FC Liverpool in einem offenen Brief an die Fans formuliert hat: „Wir schließen alle in unsere Gebete ein.“ Manchmal vernimmt man gerade in Krisenzeiten Worte, die man so nicht erwartet hätte!

Jesus bekräftigt an anderer Stelle noch einmal, dass er für alle Zeit untrennbar mit uns verbunden bleibt: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“ Alle. Kräftig. Auf ewig finden sie Heimat bei ihm. Das tröstet mich im Blick auf die Menschen, die wir verloren haben und auf die, die wir noch verlieren werden.

Die Vertikale des Kreuzes verbindet den sterbenden Gottessohn mit uns Menschen.                               
In einer Lithographie von Oskar Kokoschka von 1946 beugt Jesus sich sogar vom Kreuz herab, um den hungernden und frierenden Kindern zu helfen. So weist das Kreuz einerseits nach oben und unten, verbindet Menschen und Gott, Himmel und Erde, reale Wirklichkeit und verheißene Zukunft. 
In der Kreuzesszene im Johannesevangelium stiftet Jesus noch im Augenblick seines Todes neue Beziehungen: Frau, siehe, das ist dein Sohn!, sagt er zu seiner Mutter. Und zum Jünger sagt er: Siehe, das ist deine Mutter.“  Niemand soll allein bleiben, nicht im Tod und auch nicht in der Trauer.
So weist das Kreuz nun horizontal die Menschen aufeinander hin, verbindet Mensch mit Mitmensch - auf Abstand freilich, wie es geboten ist, und doch innerlich innig verbunden.  Wir sind doch allesamt geliebte Geschöpfe Gottes  – in der Nachbarschaft und in den Flüchtlingslagern. Vielleicht gelingt es uns mit Christi Worten im Herzen, auch in der weiteren Krisenzeit, Glaube, Liebe und eine unzerstörbare Hoffnung zu teilen, die von Balkonen erklingt – all das im Geiste dessen, der irdisches und ewiges Leben schenkt. Amen.

Lieder

EG 85, 9: Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein. (Paul Gerhardt)

Neue Lieder + 170: Kreuz, auf das ich schaue, steht als Zeichen da; der, dem ich vertraue, ist in dir mir nah…  (Eckart Brücken, 1982)    

Hinweise

Nehmen Sie zwei kleine ungleich lange Ästchen, und verbinden Sie diese  mit einer Schnur zu einem kleinen Kreuz, das gut in Ihre Hand passt. Fühlen Sie, dass beide untrennbar miteinander verbunden sind, vertikal und horizontal. Schließen Sie in schweren Zeiten die Hand ganz fest um das kleine Kreuz und spüren Sie, dass Sie behütet sind, in diesem und im anderen Leben.

Weiterer Hinweis: „Through music we are connected“: Kuala Lumpur Malaysia, Bachfest https://www.facebook.com/bachfestmalaysia/videos/521053865475858/

Autorin

Pfarrerin Claudia Krüger
Abteilung Theologie und Bildung
Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V.
krueger.c@diakonie-wuerttemberg.de


"Herr, wie lange?"

Liebe Schwestern und Brüder,

zur Zeit wird unsere Geduld auf eine harte Probe gestellt. Einer der Stressfaktoren an der Corona-Krise ist, dass niemand sagen kann, wie lange sie dauern wird. Seit Wochen tröpfeln jeden Tag neue beunruhigende Meldungen in unseren Alltag, manchmal stündlich. Inzwischen ist es eine richtige Flut von Nachrichten. Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Erst ganz langsam sind diese Informationen vom Ohr in meinen Verstand und in mein Herz gelangt. Dort haben sie den Sorgenpegel ansteigen lassen. Inzwischen bin ich wie viele fast den ganzen Tag zuhause.

Eingesperrt-sein, das haben die Menschen in der Arche Noah viele Wochen ertragen müssen. Auch damals war das Eingesperrt-sein eine lebensrettende Maßnahme. Die Arche war ein „Überlebenskasten“. Zwar nur für die Menschen und Tiere im Inneren – aber immerhin. Ich habe einmal nachgelesen und nachgerechnet, wie lange die Sintflut damals dauerte. Gleich beim ersten Lesen der Erzählung im 1. Buch Mose Kap. 7 und 8 fiel mir auf, wie oft da Zeitangaben gemacht werden. Während mit der Sintflut auch die ganze Ordnung von Raum und Zeit versinkt, zählt der Erzähler die Tage ganz genau. Offenbar ist es für ihn wichtig, die zeitliche Struktur aufrecht zu erhalten. Die Zeitangaben sind ein bisschen verwirrend, aber es lässt sich folgender Ablauf rekonstruieren:

An einem 17.02. geht es los mit der Flut. 40 Tage und Nächte regnet es ununterbrochen, und das Wasser steigt. Nach den 40 Tagen ist der Höhepunkt aber noch nicht erreicht. Insgesamt 150 Tage wird die Arche auf den Fluten wild umher getrieben. Erst dann tritt die Wende ein. Sie beginnt damit, dass Gott an Noah gedenkt und an all die Tiere in der Arche (1. Mose 8, 1). Diesem Gedenken folgt unmittelbar ein Handeln Gottes: Er verstopft die Brunnen der Tiefe und den Himmel. Das Wasser geht zurück. Nach 5 Monaten, an einem 17.07., kommt die Arche zum ersten Mal wieder zur Ruhe und setzt auf dem Gebirge Ararat auf. An Normalität ist aber auch dann noch nicht wieder zu denken. Erst müssen die Fluten weiter abfließen. An einem 1.10. werden die Spitzen anderer Berge sichtbar. Und weitere 40 Tage später öffnet Noah zum ersten Mal ein Fenster. Was für eine Wohltat muss das gewesen sein nach Monaten eingesperrt in einem Kasten. Noah sendet einen Raben aus, um die Lage zu erkunden. Alle warten sehnsüchtig auf gute Nachrichten, aber irgendwie erfüllt der Rabe seinen Zweck als Bote nicht. Das Warten ist vergeblich. Sieben Tage später lässt Noah eine Taube fliegen. Die Taube findet keinen Platz, an dem ihr Fuß ruhen kann. Sie kommt am Abend wieder zurück zur Arche. Immer noch keine Beruhigung der Lage. Weitere sieben Tage müssen die Menschen und Tiere in der Arche ausharren. Dann wird die Taube ein weiteres Mal losgeschickt, und da – endlich! – hat sie ein frisches Ölblatt im Schnabel. Ein Ölblatt – das Zeichen für Leben, Fülle, Essen und Trinken, Festfreude und Heil. Am liebsten würden jetzt alle nach draußen stürmen, aber sie müssen weitere sieben Tage in der Arche bleiben. Dann lässt Noah die Taube ein drittes Mal fliegen, und sie kommt nicht wieder. Am ersten Tag des neuen Jahres ist das Wasser abgeflossen, und Noah lässt das Dach der Arche abnehmen. Und am 27.02. betreten Noah, seine Familie und die Tiere endlich wieder die Erde.

Was für eine Tortur – über ein Jahr lang. Und wie mag es Noah gegangen sein, als er die Welt untergehen sieht und nichts tun kann, außer sich und seine Familie und die Tiere in Sicherheit bringen. Wobei … er tut schon etwas! Inmitten von Zerstörung und Untergang hält er an der Verheißung Gottes fest, dass die Welt wieder zur Ruhe kommen wird. Er verhält sich vorausschauend und vorsichtig, aber er resigniert nicht. Nichts anderes hat Noah vor Augen als Zerstörung und Matsch, aber er schickt immer wieder die Taube los, bis sie endlich das ersehnte Lebenszeichen bringt. Noah glaubt an die Möglichkeit neuen Lebens. Er glaubt an die Zukunft der Schöpfung, weil er an den Schöpfer glaubt. Und der verspricht am Ende: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (1. Mose 8, 22) ­­

Liedvorschlag

EG 361 Befiehl du deine Wege
Wenn Sie gerne ein Klavierbegleitung zu dem Lied hätten, können Sie diese mit der App „Cantico“ kostenlos herunterladen. Dort ist das Lied bei „Unsere Kernlieder“ zu finden.

Autorin

Dr. Christiane Kohler-Weiß
Abteilungsleiterin Theologie und Bildung
Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V.
Kohler-Weiss.C@diakonie-wuerttemberg.de