17. Juni 2016

Predigt Jahresempfang Diakonie Baden und Württemberg, Karlsruhe – Römer 14, 10-13

Römer 14, 10-13
Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen. So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

Liebe Gemeinde, liebe Jahresempfangsgäste,
Richtet einander nicht“ oder „Richtig bewerten“. Das eine steht im Römerbrief des Apostels Paulus. Das andere ist Apriltitel des Wirtschaftsmagazins „Brand eins“. Nahezu zweitausend Jahre dazwischen. Und doch das Thema. In Zeiten der populistischen Kandidaturen, nicht nur bei uns, zurecht ein Thema. Da wird ausgegrenzt und eingegrenzt. Einfache Bewertungen. Sie scheinen zu gefallen. Es ist leichter, wenn es nur schwarz oder weiß gibt.

Aber: „Der Weg zur Einordnung führt über den Zweifel“ schreibt die Chefredakteurin von Brand eins ins Editorial. Das könnte auch von Paulus sein. Gabriele Fischer schreibt weiter: „Was Fakt zu sein scheint, muss noch lange keiner sein“. Sind start-ups zu Recht so hoch bewertet? Oder ist die Bundesbank wirklich nur noch 22 Milliarden wert? So wird dort weitergefragt. Was jemand als Tatsache behauptet, das muss bei weitem nicht so sein. Nicht nur in der Politik. Manche Parolen entlarven sich schon nach wenigen Wochen. Und die Methode Provokation und Widerruf auch. Wie geht es dann: „Richtet einander nicht“ und „Richtig bewerten“?

Der Apostel Paulus warnt davor, den anderen – richtend - zu bewerten. Eigentlich ging es um eine Ansichtssache. So würden wir heute sagen und es auf die Ebene einer Diskussion der Fleischesser, Vegetarier und Veganer ansiedeln. Aber schnell wird daraus mehr. Die „Veggie Day“ Diskussion hat es gezeigt. Und so war es unter den Christen in Rom erst recht. Es ging um die Frage, ob Christen Fleisch verzehren dürfen, das im Rahmen von heidnischen Opferfeiern geschlachtet wurde. Dies war meist zu günstigen Preisen auf dem Markt zu haben. Die einen sagten: Unser Glaube ist so stark. Da können wir alles essen. Die anderen waren vorsichtiger, unsicherer. Sie wollten nichts falsch machen. So war man in der Christengemeinde gerade dabei, sich gegenseitig den Glauben abzusprechen. Paulus sieht in dieser Diskussion ein erhebliches Potential für eine Spaltung der Gemeinde. Ähnlich wie wir das heute im Blick auf die Flüchtlingsdebatte erleben.

1. Genau hinsehen
Du aber, was richtest du deinen Bruder?“. Jede und jeder soll sich selbst prüfen und nicht vorschnell urteilen. Das Gewissen ist gefragt. Die Instanz im Menschen, die abwägt.

In Zeiten sozialer Medien bekommt man Orientierung in die Hand. Man kennt sich schnell aus, weiß, was los ist. Und dann wird mit Daumen, Sternchen oder Smiley bewertet. Das gibt einen schnellen Überblick. Und öffnet Manipulationen Tür und Tor.

„Oder du, was verachtest du deinen Bruder?“ Das modernste Medium des Paulus war der Brief. Und doch waren die Fragen ähnlich. Man soll sich nicht, erst recht nicht von manchmal manipulierten Parolen einkaufen lassen.

Unser eigener Blick kann eben manipuliert sein. Von außen und manchmal gewiss auch von innen. Von den eigenen Täuschungen. Jesus hält den Spiegel vor: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem eigenen Auge“. Dahinter steht, dass es um eine viel weitergehende Verantwortung geht. Paulus: „So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben“.

Es steht uns deshalb nicht zu, uns selbst als Richter aufzuspielen und unsere Meinung absolut zu setzen. Wir sehen nicht in das Herz eines Menschen. Wir sehen einen begrenzten Ausschnitt. Zudem wissen wir um unsere eigene Fehlbarkeit und die eigene Lust daran, sich über andere zu erheben.

Auf diesem Hintergrund ist Vorsicht bei allen Pauschalurteilen geboten, so wichtig pointierte Stellungnahmen und Zuspitzungen in unserer Medienwelt heute sind. Und Skepsis denen gegenüber angebracht, die populistisch zu schnellen Pauschalurteilen und starken Vereinfachungen neigen und sich einer differenzierten Wahrnehmung und Bewertung der Situation verweigern. Und dann noch behaupten, den Willen des Volkes zu repräsentieren und „Wir sind das Volk“ skandieren. „Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister“ steht im 1. Johannesbrief.

2. Keine falsche Zurückhaltung
„Ein jeder sei in seiner Meinung gewiss.“ – das schreibt Paulus im gleichen Kapitel. Wenn es um die ethische Bewertung einer Streitfrage geht, braucht es eigene Meinungs- und Urteilsbildung. Es braucht Leute, so hat es Immanuel Kant einmal gesagt, die „öffentlichen Gebrauch von der Vernunft“ machen. Ein differenziertes Urteil ist gefragt. So nehmen wir als Diakonie Stellung. Ethisch und theologisch begründet. Wenn es um den Menschen geht. Um seinen Lebensbeginn, schon pränatal. Und um sein Lebensende, wenn es ans Sterben geht. Pflege muss auch durch den Finanzierungsrahmen Zuwendung in sich tragen können. Oder um eine Inklusion, die sich behutsam aber beharrlich weiterentwickelt. Wir begleiten so die politisch und gesellschaftlich Verantwortung tragen. Und dazu tragen haupt- und ehrenamtliche bei. Denn es geht darum, dass „alle Zungen sollen Gott bekennen“.

Natürlich wird es eine Beurteilung geben. Aber nicht von Mensch zu Mensch, sondern von Gott. Und das letztendlich im Endgericht. Da schaut Gott auf das gelebte Leben jedes einzelnen mit all seinem Tun, aber auch mit all seinem Lassen.

Das ist der Mensch, der als Geschöpf Gottes sich selbst so verstehen soll. In den sozialen Netzwerken, so sagt der Philosoph Luciano Floridi, nimmt man des Leben wie durch einen Filter war. Man wird unbewusst gemanagt, sagt er, und verliert letztendlich seine Individualität.

Um die Individualität geht es in unserem diakonischen Dienst. Damit wir gegen die billigen Ausgrenzungen uns stellen. Es geht um den einzelnen Menschen. Um seine Individualität. Wie sie auch gestaltet werden kann. Um seine individuelle Fluchtgeschichte. Um sein Leben, ob mit oder ohne Behindertenausweis. Ob seit Jahren aus der Arbeit ohne Chance, wieder einzusteigen. Keine falsche Zurückhaltung braucht es dann.

3. Den anderen Gutes tun
„Richtig bewerten“, es bleibt bei Brand eins etwas offen. Martin Luthers klare Sprache sagt’s direkt: „Da haben wir nun abermals Gottes Wort, damit er uns zu rechten, edlen, hohen Werken reizen und treiben will, wie Sanftmut, Geduld, und in Summa, Liebe und Wohltat gegen unsere Feinde.“ Die Zukunft unserer Gesellschaft hängt mit davon ab, dass es verantwortlich handelnde Menschen in allen Bereichen gibt. Die die Vielzahl unterschiedlicher Interessen und Bedürfnisse sehen. Dass der Sinn darauf gerichtet ist – um mit Paulus zu sprechen – „dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite“. Niemand soll ausgegrenzt unter die Räder kommen. Oder kentern. Vom Freiwilligen Engagement bis zur hauptberuflichen Mitarbeit stehen wir dafür, dass wir uns für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen. Denn: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“. 2017 feiern wir 500 Jahre Reformation. „Richtig bewerten“ aus Gnade und auf Glauben hin. Da wird eben unterschieden zwischen Person und Werk. Es ist nicht egal, was wir tun oder nicht tun. Aber die Individualität bleibt. Und auch Gottes Ja oder Nein zu unseren Taten.

„Richtet einander nicht“, aber „Richtig bewerten“. Dafür stehen wir als Diakonie. Und dann erst recht auch fürs Tun. Ein Paulusartikel wäre in Brand eins auch nicht schlecht gewesen. Dann wäre zum Thema „Richtig bewerten“ genügend gesagt

Amen

Lied: Wo Menschen sich vergessen….