24. November 2017

Vernetzte, ganzheitliche Hilfen im Quartier

Mitgliederversammlung des Evangelischen Landesverbands für Diakonie-Sozialstationen in Württemberg

Leicht zugängliche und vernetzte Unterstützung für ältere Menschen in ihrem Wohnumfeld zu schaffen, ist das gemeinsame Ziel von Diakonie und Sozialministerium. Dass man dem Fachkräftemangel begegnen und eine menschliche, fachlich gute Pflege anbieten muss, betonten Schwester Margarete Mühlbauer und Eva-Maria Armbruster bei der Mitgliederversammlung des Evangelischen Landesverbands für Diakonie-Sozialstationen in Württemberg einig.

Eva-Maria Armbruster, Vorstand Sozialpolitik im Diakonischen Werk Württemberg, sagte, dass die Diakoniestationen die Umstellung auf das Pflegestärkungsgesetz II gut bewältigt haben. Es zeige sich aber, dass Betroffene bei Neueinstufungen viel Unterstützung brauchen, um zu bedarfsgerechten Leistungen zu kommen. Sie benannte die Quartiersentwicklung als strategische Ausrichtung im Diakonischen Werk Württemberg. Als Vorteile kirchlicher Dienste nannte sie die lokale Einbindung und Möglichkeit der lokalen Vernetzung. „In unserer Kirche gibt es große Potenziale vor Ort, in jeder Kirchengemeinde, in jedem Distrikt etwas gemeinsam zu gestalten, gemeinsam Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen.“ Angesichts der Zunahme der Anzahl alter Menschen brauche es „örtliche Knotenpunkte des gemeinsamen Handelns“. Dazu gehörten Netzwerke von Diakoniestationen und Krankenpflegevereine, aber auch stationäre Einrichtungen, die Arztpraxis, die Ergotherapeutin und natürlich auch die realen sozialen Netzwerke, die in jeder Gemeinde vorhanden sind. Gerade ältere und hochbetagte Menschen bräuchten die persönliche Beratung, vielleicht auch den Berater, der zu ihnen kommt.

Der Evangelische Landesverband für Diakonie-Sozialstationen in Württemberg legt großen Wert auf das christliche Fundament der Dienste. Weil auch sie einen Mangel an Pflegefachkräften haben, hat der Landesverband den Evangelischen Oberkirchenrat gebeten, in begründeten Ausnahmefällen auch die Anstellung von Fachkräften zu genehmigen, die keiner christlichen Kirche angehören. „Der Grund für diese Bitte ist die Tatsache, dass in Diakonie-Sozialstationen die Nachfrage nach Dienstleistungen steigt“, sagte Schwester Margarete Mühlbauer, die Vorsitzende des Landesverbands. Oberkirchenrat Erwin Hartmann stellte sich den Bedürfnissen und versprach, lösungsorientierte Anträge in entsprechende Gremien einzubringen. Sie rief Kirche und Diakonie dazu auf, den Pflegeberuf aufzuwerten, „indem in allen unseren Gremien, Veranstaltungen, Gruppen und Kreisen respektvoll und wertschätzend von der Pflege und denen, die diese ausüben, geredet wird“.

Einen noch größeren Konkurrenzkampf prognostiziert Schwester Margarete Mühlbauer um gute Führungskräfte. In der Folge werde es zu weiteren Zusammenschlüssen von Diakoniestationen kommen. „Diese Zusammenschlüsse bringen, vorausgesetzt die Gemeindenähe bleibt durch die Organisationsform erhalten, Synergien mit sich, zum Beispiel beim Qualitätsmanagement.“ Sie hält es für sinnvoll, über Strukturen, Zusammenschlüsse und Verbünde nachzudenken, bevor dies aus wirtschaftlichem oder personellem Druck erforderlich wird.

Als „IKEA-isierung vieler Lebensbereiche“ bezeichntete Johannes Kessler, Leiter der Abteilung Gesundheit, Alter, Pflege die Tendenz, dass Verbrauchern Strukturen gestellt, in der Umsetzung aber alleine gelassen werden. Das sei für ältere Menschen oder für Menschen mit kognitiven Einschränkungen eine „Katastrophe“. In einer Welt, in der immer mehr auf digitale Prozesse umgestellt wird, „brauchen wir nicht nur mehr Wissen über dien Umgang mit diesen Prozessen, sondern auch Begleiterinnen und Begleiter für diejenigen, die selbst damit vollkommen überfordert sind“. Dazu müssten Diakoniestationen sich vernetzen, Versorgungsketten aufbauen, etwa mit dem Einzelhandel und mit Ärzten zusammenzuarbeiten. „Hier geht es nicht mehr nur um die Fachexpertise, sondern um die gemeinschaftliche Erstellung eines stabilen Zustandes der mein möglichst gutes Leben zuhause trotz vieler Einschränkungen bewirkt.“ Das Land fördere in einem Innovationsprogramm gezielt quartiersnahe Versorgungskonzepte. „Hier sind wir ständig im Gespräch mit der Politik und präsentieren die vielen guten Ansätze, die es jetzt schon in der Diakonie gibt- übrigens auch über alle Leistungsbereiche (Pflege, Jugendarbeit, Behindertenhilfe) hinweg.“

Ulrich Schmolz, Leiter des Referats Pflege des Ministeriums für Soziales und Integration Baden-Württemberg, lobte den Beitrag der 170 Diakonie-Stationen in Württemberg, die täglich rund 12.000 Menschen versorgen. Fast 72 Prozent der Menschen mit Hilfebedarf nehmen nach seiner Aussage ambulante Versorgung im häuslichen Umfeld in Anspruch. Die Zahl werde sich durch das Pflegestärkungsgesetz noch erhöhen. Schmolz sprach von „schweren existenziellen Sorgen bei Pflegediensten“ und davon, dass sich die besondere Zuwendung im Rahmen der Pflege in den Vergütungs- und Rahmenvertragsvereinbarungen niederschlagen muss. Für das Jahr 2018 kündigte er die Bereitstellung von 7,5 Millionen Euro zur Förderung der Kurzzeit- und Tagespflege an. Schmolz strebt „vernetzte, ganzheitliche Ansätze“ an und hob als positives Beispiel das Zusammenspiel von ambulanten Wohnformen und Pflegediensten hervor. Das neue Landespflegestrukturgesetz habe ganzheitliche Hilfestrukturen als roten Faden. Wenn die Kommunen auch der Motor zur Vernetzung im Sozialraum sein sollen, hebele das den Gedanken der Subsidiarität nicht aus, sagte der Verteter des Sozialministeriums. Es sei stattdessen an vielen Orten deutlich, dass die Akteure der freien Wohlfahrtspflege in die Gestaltung aktiv einbezogen seien.

Sommersammlung 2024

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31,9) Die Diakonie Württemberg setzt sich ein für heilsame Räume: für bezahlbares Wohnen, gutes Zusammenleben in Nachbarschaften und umfassenden Schutz für Notleidende. Auch die Beratungsstellen eröffnen neue Perspektiven.