10. Februar 2020

„Ich glaubte, ich wäre schuld an der Sucht meiner Mutter.“

Frühjahrssammlung: Menschen(s)kind. Sucht – Hilfe

Kinder aus Suchtfamilien tragen eine Bürde aus Schuld und Scham. Doch es gibt Hoffnung für sie. Ein Beispiel des Kreisdiakonieverbands Ludwigsburg mit seinem Projekt KisEl (Kinder suchtkranker Eltern).

„Vor dem nach Hause kommen hatte ich immer große Angst. Ich wusste nie wie meine Mutter drauf sein würde. Häufig machte sie nicht mal die Türe auf, sondern lag mittags schon total betrunken auf dem Sofa rum.“ Der 17-jährige Tom spricht mit traurigem Blick, wenn er von der Zeit mit seiner bereits verstorbenen Mutter erzählt. Die Mutter war alkoholkrank, bis sie vor 10 Jahren an ihrer Sucht verstarb. „Ich machte mir immer unglaubliche Sorgen um sie. Kümmern musste ich mich darum, dass wir Etwas zu essen haben und mein kleiner Bruder in den Kindergarten kam. Wenn ich zurückdenke an meine Kindheit war ich oft traurig und alleine. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich daran schuld bin, dass meine Mutter trinkt. Ich vermisse sie sehr.“

Berichte, wie der von Tom, sind typisch für Kinder suchtkranker Eltern. Sie wachsen in einer unberechenbaren Atmosphäre auf und leben in ständiger Unsicherheit, was ihre betrunkenen Eltern im nächsten Moment tun werden. Auf 2,6 Millionen wird die Zahl der Kinder aus sogenannten „Suchtfamilien“ von Experten geschätzt. Ca. jedes sechste Kind in Deutschland würde somit im Schatten der Sucht aufwachsen, die Meisten davon mit Alkoholikern. Sehr früh übernehmen diese Kinder Verantwortung für die Eltern und deren Aufgaben, wenn die Erwachsenen – suchtbedingt - ausfallen. Nicht selten erledigen die Kinder den Haushalt und versorgen die kleineren Geschwister. Und oftmals kümmern sie sich so sehr um die Bedürfnisse ihrer Eltern, dass sie darüber verlernen, Kind zu sein. Auch Tom entwickelte feine Antennen, und lernte, aus Stimmungen, Gesten, Nuancen abzulesen, was seine Mutter brauchte. Im ständigen Loyalitätskonflikt zwischen Lieben und Hassen war es schwer den eigenen Gefühlen einen Platz zu geben. Kinder von Suchtkranken schämen sich für ihre Eltern, und versuchen zugleich alles, um sie zu schützen. Niemand außerhalb der Familie soll erfahren, dass Vater oder Mutter ein Suchtproblem haben.

Eine solche Kindheit hinterlässt Spuren in den Seelen der Kinder. Ca. ein Drittel von ihnen entwickelt in der Jugend oder im Erwachsenenalter eine eigene stoffgebundene Sucht. Ein weiteres Drittel zeigt psychische oder soziale Störungen. Viele Kinder, die mit süchtigen Eltern aufwuchsen, suchen sich wieder einen Süchtigen als Lebenspartner und leben damit das Programm weiter, das sie bereits als Kinder verinnerlicht haben.

Hilfreich sind hierbei besondere Gruppenangebote, bei denen Kinder suchtkranker Eltern über ihre Sorgen sprechen können und lernen wieder Kind zu sein. KisEl (Kinder suchtkranker Eltern) – ein langjähriges, präventives Angebot des Kreisdiakonieverbands Ludwigsburg - schafft genau so einen vertrauensvollen sicheren Ort. Das Angebot von KisEl umfasst Einzelberatungen, Kinder- und Jugendgruppen, sowie Intensivtage an Wochenenden und Freizeiten. Die Kinder erfahren, dass sie nicht alleine sind und es gut tut, über das Erlebte sprechen zu können. Der Zugang zum Angebot findet über ein Erstgespräch statt.

Tom ist seit über 5 Jahren bei KisEl. Inzwischen hat er eine Ausbildung begonnen und schafft es offen über seine Erlebnisse in der Kindheit zu sprechen. Er ist ein großes Vorbild für die anderen Kinder in den Gruppen. „KisEl war für mich wie ein Zuhause. Ich konnte hier immer einfach nur ich sein. Die anderen Kinder hörten mir zu und ich fühlte mich nicht mehr alleine. Keine Ahnung, wie es geworden wäre, wenn ich KisEl nicht gehabt hätte.“

Kinder suchtkranker Eltern haben Chancen auf eine gesunde Entwicklung, wenn sie die richtige Art von Unterstützung erhalten. Sie brauchen außerhalb ihrer Familien sichere Orte, an denen sie von fürsorglichen Erwachsenen Unterstützung erhalten. Damit die Kinder von heute nicht die Süchtigen und psychisch Kranken von morgen werden.

Weitere Informationen können über kisel(at)kreisdiakonieverband-lb.de  und auf der Webseite des Kreisdiakonieverbands Ludwigsburg eingeholt werden.


Frühjahrssammlung 2020

Die Opfersammlung am 16. Februar 2020 steht unter dem Motto "Menschen(s)kind. Sucht – Hilfe". Mit Ihrer Unterstützung kann die Diakonie in Württemberg suchtkranken Menschen und ihren Angehörigen helfen.

Hier geht es zur Onlinespende.