• 31.08.2018 „Ohne Spurwechsel verschenken wir Potenzial“

„Ohne Spurwechsel verschenken wir Potenzial“

Oberkirchenrat Kaufmann beim Sommerbesuch in der LEA Ellwangen

Sprachkurs, Ausbildungsvertrag, ein Stammplatz im lokalen Fußballverein – dann die Ablehnung des Asylantrags. Ein Spurwechsel in der Flüchtlingspolitik, der gut integrierten Asylsuchenden eine Bleibeperspektive eröffnet, verhindert nach Ansicht von Oberkirchenrat Dieter Kaufmann weiteres Verschenken von Potenzialen. Beim Besuch der Landeserstaufnahmestelle (LEA) Ellwangen hat sich Kaufmann ein Bild von der aktuellen Situation vor Ort gemacht.

Stuttgart/Ellwangen, 31. August 2018. Aktuelle Themen und Fragestellungen der Erstaufnahme von Flüchtlingen und die Bleibeperspektiven für Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit kam beim Sommerbesuch von Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg, in der LEA Ellwangen vielfach zur Sprache. „Dass ein nachweislich gut integrierter Flüchtling trotzdem in Unsicherheit leben muss, sein hier aufgebautes Leben weiter zu führen, darf nicht sein.“, so Kaufmann.

Zur Integration der Flüchtlinge trägt auch die Devise der LEA Ellwangen bei, die Erstaufnahmestelle als offene Einrichtung zu führen und in jedem Asylsuchenden den Menschen mit seiner individuellen Geschichte zu sehen. Unabhängig von ihrer Bleibeperspektive erhalten alle Flüchtlinge in der LEA Orientierungsangebote, die das Leben in Deutschland erleichtern sollen und die Basis für die spätere Integration liefern können. Im Gespräch mit Thomas Deines, Referatsleiter Flüchtlingsaufnahme im Regierungspräsidium Stuttgart, und dem Leiter der LEA, Berthold Weiß, zeigt sich, wie eine gute Vernetzung ins Gemeinwesen auch erste Schritte für eine berufliche und gesellschaftliche Integration befördern kann.

„Zukunftsängste und Perspektivlosigkeit sind sehr belastend für die Bewohner der LEA“, bestätigt Psychologe Reinhard Sellmann, früher Bereichsleiter der psychologischen Beratungsstellen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Der Rentner ist seit nun zweieinhalb Jahren Ansprechpartner für die oft traumatisierten Flüchtlinge. Schlafstörungen und Panikattacken seien die häufigsten Symptome, von denen er in seinen Beratungen erfahre. „Stütze sein, Trost spenden und Hoffnungslosigkeit auszubalancieren zehrt auch an der eigenen Kraft.“, sagt Sellmann.

Die vielen Einzelschicksale machen auch die Mitarbeitenden der Verfahrens- und Sozialberatung betroffen. Die Vielfalt und den Austausch mit Menschen aus derzeit 23 Ländern nennt Sven Krieg, Mitarbeiter der Diakonie Ostalbkreis, als Hauptmotivation für seine Arbeit.

Etwa hundert Ehrenamtliche engagieren sich bis heute in der LEA Ellwangen. Viele von ihnen sind laut Einrichtungsleiter Weiß kirchlich geprägt und seit Öffnung der Erstaufnahmeeinrichtung im Jahr 2015 motiviert dabei. Weiß schätzt den Einsatz: „Ohne die Ehrenamtlichen wäre die Arbeit hier nicht möglich. Ich bewundere ihren langen Atem: immer kommen neue Menschen, immer wieder fängt man von vorne an. Wenn eine Bindung da ist, kommt oft die Verlegung und die nächsten Bewohner ziehen ein.“

Ein negativer Asylbescheid unterbricht den Integrationsprozess und sorgt nicht nur für Frustration bei den Betroffenen selbst, sondern auch in deren Umfeld. Sei dies bei Ehrenamtlichen, die Sprachkurse gegeben hatten, Freunde aus dem Sportverein und nicht zuletzt Arbeitskollegen und Arbeitgebern, die geschätzte Mitarbeitende verlieren. Denn die Ablehnung des Asylgesuchs stellt nicht nur die weitere Beschäftigung, sondern auch den gesamten weiteren Aufenthalt in Frage.

Oberkirchenrat Kaufmann dankte den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der LEA Ellwangen für die tatkräftige Arbeit vor Ort und ihr Engagement, den Menschen in der LEA die ersten Schritte in Deutschland zu ermöglichen. Er bekräftigt seine Forderung nach politischen Nachbesserungen in der aktuellen Debatte um ein Einwanderungsgesetz: „Nachweislich gut integrierte Flüchtlinge sollen bleiben dürfen. Denn die Bleibeperspektive ermöglicht es Betroffenen wie Arbeitgebern, in eine gesicherte Zukunft zu planen.“